Manchmal kann die spannendste Frage bei einer Geschichte sein: Was wäre eigentlich, wenn es nicht passiert wäre? Heute wird Himmelfahrt gefeiert – eine zugegebenermaßen fast märchenhafte Geschichte. Jesus feiert seinen ganz eigenen Vatertag: Er entschwindet vor den Augen seiner Jünger in Richtung Himmel zu seinem Vater. Klingt fast wie im Film. Für mich schwierig vorstellbar und rational zu fassen. Wäre es für moderne Menschen nicht besser, die Geschichte würde nicht unbedingt in der Bibel stehen?
Was wäre eigentlich, wenn es nicht passiert wäre? Jesus würde vermutlich als Auferstandener bis heute auf der Erde hier und da erscheinen; vielleicht auch heute in Göppingen. Glaubenszweifel gäbe es keine; man könnte ihm ja begegnen. Die Kirchen müssten sich nicht mit der Anfrage beschäftigen, ob dies überhaupt alles so stimmen kann. Man könnte den Auferstanden direkt fragen, wie in dieser oder jener Situation aus christlicher Perspektive gehandelt werden sollte. Eigentlich doch ein faszinierender Gedanke.
Und doch: Das alles hätte seinen Preis. Der Mensch könnte sich nie sicher sein, wann das Göttliche ihn aufsuchen könnte. Sprich: Jederzeit könnte das Göttliche in mein Leben einbrechen. Dauerpräsenz des Göttlichen in aller Wucht in dieser Welt – und die Bibel zeigt: Die Begegnung mit Gott ist zwar faszinierend, aber immer auch zutiefst erschreckend, wenn es sich ereignet. Wirklich eine wünschenswerte Vorstellung?
Vielleicht kann man’s auch anders drehen: Mit dem symbolhaften Abzug des Göttlichen in den Himmel schafft Gott letztendlich Freiraum auf der Erde. Freiraum für das Geschöpf, das dann in Verantwortung diesen Raum füllen und gestalten soll: Der Mensch. Denn was sagt Jesus mit seinen letzten Worten hier auf Erden? „Ihr werdet meine Zeugen sein bis an das Ende der Erde“. Sprich: Das Göttliche zieht nach oben ab – ab nun seid ihr in der Verantwortung, diese Verantwortung in Wort und Tat wahrzunehmen. Ihr als Menschen – weil ich euch das zutraue. In diesem Sinne: Packen wir’s an!
Kirchenrat Julian Elschenbroich