Willkommen im Freiluft‑Mülleimer – die neue Wegwerf‑Eleganz in Deutschland

Manchmal frage ich mich, ob ich in einer Stadt lebe oder in einem schlecht gelaunten Kunstprojekt über Zivilisationsverfall. Es wird nicht einfach nur dreckig – es wird ästhetisch anspruchsvoll widerlich. So widerlich, dass man gelegentlich Brechreiz bekommt, aber immerhin mit Haltung.

Da sitzt also ein Paar im Oberklassewagen, frisch poliert, die Leasingrate vermutlich höher als der IQ. Man speist Fast Food im Auto – weil Kultur ja bekanntlich überbewertet wird – und entsorgt anschließend Verpackungen, Becher und Kippen mit der lässigen Grandezza eines römischen Kaisers, der gerade über Leben und Tod entscheidet. Nur dass hier eben Pommesreste und Marlboro-Stummel fliegen. In Hecken, auf Gehwege, auf die Straße. Nachhaltigkeit mal anders.

Zuhause geht es weiter: Auf dem Balkon wird gequalmt, als gäbe es eine Prämie für Feinstaubproduktion. Und die Kippen? Die segeln nach unten. Immer. Wie ein Naturgesetz. Newton hätte seine Freude.

Natürlich könnte man sagen: „Ach, das sind Einzelfälle.“ Ja. Einzelfälle. Täglich. Überall. In Serie. Die Netflix-Staffel Asoziales Verhalten – Staffel 4 läuft längst ohne Drehbuch.

Als Rettungsfachkraft weiß ich, wie wichtig Hygiene wäre. Betonung auf wäre. Denn während ich darüber nachdenke, wie man Menschen beibringt, ihren Müll nicht in die Botanik zu schleudern, verwandeln sich Hinterhöfe in Biotope, Containerplätze in Mahnmale kommunaler Überforderung und Gehwege in Slalomstrecken für Hundekot.

Und das alles, weil ein Teil der Bevölkerung beschlossen hat, dass gesellschaftliche Regeln optional sind. So wie Gemüse essen. Oder Steuererklärungen.

Ich habe das Täterverhalten während der Coronazeit täglich studiert – zwei Stunden Training auf dem Parkplatz einer Hochschule. Ein soziologisches Live-Experiment. Die Muster waren eindeutig. Ernüchternd. Und manchmal unfreiwillig komisch, wenn man nicht gerade in einer Pfütze aus Energy-Drink und Chicken-Nugget-Sauce stand.

Was bleibt? Ein Appell. Kein moralinsauer erhobener Zeigefinger, sondern ein freundlicher Hinweis: Wir leben alle im selben öffentlichen Raum. Und der ist kein Drive‑In‑Mülleimer.

Vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam, wieder ein bisschen Anstand zu kultivieren. Oder wenigstens die Kippe bis zum Mülleimer zu tragen. Das wäre schon fast Revolution.

Alfred Brandner

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