Sie retten Leben, treffen Entscheidungen in Sekunden und handeln, wenn kein Arzt verfügbar ist. Doch viele Rettungsfachkräfte fühlen sich übersehen. „Wir tragen enorme Verantwortung – aber kaum jemand nimmt sie wahr“, sagt Rettungsassistent Alfred Brandner.
Deutschland verfügt über eines der leistungsfähigsten Rettungssysteme weltweit: flächendeckend organisiert, schnell vor Ort, technisch auf höchstem Niveau. Leitstellen und Rettungswachen sind so strukturiert, dass Hilfe fast überall innerhalb weniger Minuten eintrifft.
Und trotzdem: Das Bild in der Öffentlichkeit hinkt der Realität hinterher.
„Krankenwagenfahrer“? Ein gefährlicher Irrtum.
Rettungsfachkräfte sind hochqualifiziert. Sie legen venöse Zugänge, verabreichen Medikamente, behandeln Schockzustände, führen Defibrillationen durch und erstellen EKG-Diagnosen – und das seit Jahrzehnten. Oft stabilisieren sie Patientinnen und Patienten lange bevor ein Notarzt eintrifft – oder überhaupt verfügbar ist.
Dennoch werden sie nicht selten auf die Rolle einer „qualifizierten Tragehilfe“ reduziert. Ein Berufsbild, das täglich Leben rettet – und dessen tatsächliche Kompetenz vielen kaum bewusst ist.
Wenn kein Arzt kommt, zählt jede Entscheidung
Ein Einsatz zeigt die Realität: Kein Notarzt verfügbar – weder bodengebunden noch per Luftrettung. Die Verantwortung liegt allein beim Rettungsteam.
Rechtlich abgesichert durch den sogenannten rechtfertigenden Notstand (§ 34 StGB) treffen sie weitreichende medizinische Entscheidungen.
Sie legten peripher venöse Zugangänge, sedierten mit Ketamin und Midazolam, überwachen EKG, Sauerstoffsättigung und Blutdruck. Sie stabilisierten, entscheiden, handeln – unter Zeitdruck und mit höchster Verantwortung.
Im Schockraum folgt der Dank des Klinikteams.
In der Öffentlichkeit bleibt es meist still.
Notfallsanitäter: klare Regeln, klare Verantwortung
Mit dem Berufsbild der Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sind heute viele Maßnahmen eindeutig geregelt. Kompetenzen, Medikationen und Abläufe sind verbindlich festgelegt.
Und wenn keine Alternative besteht, gilt weiterhin: Handeln im Sinne des Patienten – rechtlich abgesichert.
Diese Fachkräfte agieren nicht improvisiert. Sie handeln strukturiert, evidenzbasiert und hochprofessionell.
Das eigentliche Problem: Unsichtbarkeit
Brandner sieht ein grundlegendes Defizit: „Über Jahrzehnte wurde kaum erklärt, was wir wirklich leisten. Viele wissen schlicht nicht, welche Verantwortung wir tragen.“
Eine Lücke, die sich rächt. Denn während die Anforderungen steigen und die Bevölkerung altert, fehlen zunehmend Nachwuchs und Fachpersonal.
Die Forderung ist klar:
Mehr Anerkennung. Mehr Aufklärung.
Und eine deutlich stärkere staatliche Verantwortung für den Rettungsdienst.
Alfred Brandner