Wir sind in der Passionszeit. Es ist die Zeit, in der Christen sich an das Leiden und Sterben Jesu Christi erinnern. Manche fasten in dieser Zeit auch aus den verschiedensten Gründen heraus. Sieben Wochen ohne – Verzicht auf einen bestimmten Konsum wie Alkohol, Fleisch, Süßigkeiten, Flugreisen oder Medien.
Verzicht – wofür? Warum verzichten Menschen freiwillig? Verzicht muss etwas Gutes an sich haben, aber was? Menschen, die hungern müssen, würden wohl nie auf diese Idee kommen, aber Menschen, die im Wohlstand leben sehr wohl. Es ist erstaunlich: So sehr man sich im Wohlstand räkeln mag, irgendwann verliert sich jedes Wohlgefühl. Es bringt keinen Mehrwert mehr ein. Wenn sich aber etwas zum Guten, zum Besseren wandelt: Das macht den Unterschied. Dass der bayrische Rekordmeister am Ende der Saison vermutlich zum 35. Mal Deutscher Fussballmeister werden wird, wird niemanden so recht vom Hocker reißen. Verzicht auf diesem Hintergrund kann dann helfen, wieder lebenshungrig zu werden und gewinnen zu wollen. Aus der Trägheit und Bräsigkeit herauszukommen. Aber ich finde, das wäre zu wenig. Wenn die Motivation für den Verzicht nur darin besteht, dass alles wieder so wird wie zuvor.
Hat Fasten und Verzichten auch eine geistliche Bedeutung?
In der Bibel lesen wir von Jesus, dass ihn der Geist Gottes in die Wüste führte, damit er vom Teufel versucht würde. Und Jesus ließ sich darauf ein. 40 Tage und Nächste fastete er, bis er ganz erschöpft war. Nach diesen 40 Tagen wurde die Länge der Fastenzeit festgelegt, wobei die Zahl 40 in der Bibel überhaupt eine große Rolle spielt, denken wir nur an die 40 Jahre, die das Volk Israel nach der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens in der Wüste wanderte. Diese Zeit hatte eine geistliche Bedeutung. Denn am Ende dieser 40 Tage, am Ende dieser 40 Jahre wartete ein Ziel, das es wert war, erreicht zu werden: Jesus, mit Gottes Geist gesalbt, beginnt sein Wirken und verkündigt das Kommen des Gottesreichs. Und das Volk Israel darf endlich nach diesen 40 langen Jahren den Jordan überschreiten und in das verheißene Land einziehen. Für beide – das Volk Israel und Jesus – beginnt also etwas Neues, das Gott versprochen hat. Und die 40 Tage oder 40 Jahre, die dem vorausgehen, sind eine Vorbereitung, eine Zubereitung und Zurüstung auf dieses Neue. Es ist eine Zeitspanne, die lang genug ist, dass etwas sich setzt und reif wird. In dieser Zeit geschieht innerlich etwas mit den Menschen. Ihr Auftrag, also das, was Gott mit ihnen vorhat, soll gefestigt werden. Im letzten geht es darum, dass ihre Identität gefestigt wird gegen innere und äußere Angriffe und Bedrohungen: Israel ist Gottes erwähltes Volk. Er hat es sich zum Eigentum gemacht. Aus der Hand des Pharao hat er es befreit und zu seinem Volk gemacht. Diese von Gott geschenkte Veränderung muss in dieser Zeitspanne bewährt werden.
Und bei Jesus? Jesus wird in dieser Zeit des Fastens als Gottes Sohn bestätigt gegen die Angriffe des Satans, der seine Identität anzweifelt: „Bist du Gottes Sohn…“.
Vielleicht kann man es so sagen: Der Verzicht auf die Annehmlichkeiten des Lebens kann uns näher zu unserer Identität bringen, zu dem, wer wir sind und was Gott ganz einzigartig in uns hineingelegt hat. Wenn alle Ablenkungen ausgeschaltet sind, kann sich das herausschälen, was wesentlich und bedeutsam ist. Bestimmt geschieht das jedoch nicht automatisch, sondern es ist dazu notwendig, dass wir mit Gott im Gespräch sind.
Pfarrer Andreas Vix