Sonntagsgedanken: Verrückte Zeiten

Jetzt sind sie wieder da: die Tage, an denen die Hüte schief sitzen, die Krawatten kürzer werden, die Narren in den Rathäusern das Sagen übernehmen und sich das Leben vor allem draußen auf der Straße abspielt … Fasching ist die offiziell genehmigte Verrücktheit des Jahres. Durch Masken und Verkleidung werden kurzfristig die Rollen getauscht, Regeln außer Kraft gesetzt, die Welt ein wenig auf den Kopf gestellt. Was sonst Stirnrunzeln hervorruft, ist jetzt erlaubt – ja erwünscht, bis die Grenzen des anderen erreicht sind.

Fasnet als verrückte Zeit, das klingt nach Konfetti und Krapfen, lauter Musik und ausgelassenem Feiern.

Ich persönlich erinnere mich an eine Situation vor vielen Jahren, als ein Clown durch den Raum sprang und versuchte klar zu machen, dass wir nicht nur in einer verrückten närrischen Jahreszeit unterwegs sind, sondern doch die Zeit ver-rückt ist. Wie es die Aufgabe des Clowns ist, die Alltäglichkeiten mit etwas Humor und Spaß zu beleuchten, wurde auf eine weitere Bedeutung des Wortes „verrückt“ hingewiesen. Verrückt ist auch, was nicht mehr dort steht, wo es einmal war.

Ein Erkenntnis, die sich bis heute in mir festgesetzt hat, denn – wenn wir ehrlich sich – vieles scheint derzeit verrückt geworden zu sein. Gewissheiten haben ihren Platz verloren, der Ton ist rauer geworden, das Tempo ist erhöht. Was gestern noch selbstverständlich war, wirkt heute fragil. Werte, die Halt gaben, stehen heute plötzlich schief oder werden beiseitegeschoben. Manchmal fühlt es sich an, als hätte jemand die Möbel der gemeinsamen Weltwohnung über Nacht umgestellt. Wo früher die Friedensmission an erster Stelle stand, geht es heute wieder um Aufrüstung. Was früher als Land aller Möglichkeiten oder Freiheit galt, wird heute durch Macht, Gewalt und geschlossene Grenzen als beendet erklärt. Wo früher noch der Weg zueinander und das Kompromiss finden, ein Weg zum Ziel war, stehen sich heute die unüberwindbaren Fronten gegenüber. Wahrscheinlich können Sie Ihre eigenen Erfahrungen hinzufügen. Es geht mir jetzt nicht um „früher war alles besser!“, das glaube ich nämlich nicht, sondern um die Erfahrungen, dass das Orientierungs- und Sicherheitgebende plötzlich nicht mehr zu gelten scheint.

Einst war das Verrückt sein zeitlich begrenzt. Man wusste: Mit Aschermittwoch kehrt wieder Ordnung ein. Heute scheint das Verrückte zum Dauerzustand geworden zu sein. Die Masken bleiben auf und Orientierung wird zur Herausforderung.

Zugleich kann gerade die Fasnetszeit uns auch wieder daran erinnern, dass nicht alles festgezurrt sein muss, um Bestand zu haben, dass Lachen verbindet, dass Perspektivwechsel und Lockerung von Verstricktem guttun. Vielleicht brauchen wir diese bunten Tage nicht nur, um der Wirklichkeit zu entfliehen, sondern auch um ihr mit mehr Gelassenheit zu begegnen und Dinge sich neu ordnen zu lassen.

Als Jugendliche fand ich es komisch und lächerlich, wie dieser Clown hin und her sprang. Doch geblieben ist mir dieses Bild bis heute. Ver-rückte Zeiten.

Gemeindereferentin Katharina Schweizer

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