Die Exporterwartungen der baden-württembergischen Industrie hellen sich zu Jahresbeginn leicht auf. Erstmals seit zwei Jahren überwiegen wieder die positiven Stimmen. Von einer Trendwende kann jedoch keine Rede sein. Nach der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage rechnen 28 Prozent der Industrieunternehmen in den kommenden zwölf Monaten mit steigenden Ausfuhren – zwei Prozentpunkte mehr als im Sommer 2025. Knapp 20 Prozent erwarten einen Rückgang (Sommer: 28 Prozent). Asien bietet derzeit die besten Perspektiven, Nordamerika bleibt schwer berechenbar. Die Eurozone stabilisiert sich leicht, während der Ausblick für China weiter eingetrübt bleibt.
„Die Exporterwartungen hellen sich zum Jahresbeginn erstmals seit zwei Jahren wieder leicht auf. Das ist ein wichtiges Signal – allerdings zunächst nur eine Momentaufnahme, wie sie zu Jahresbeginn häufiger zu beobachten ist“, sagt Claus Paal, Vizepräsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK). „Auch bei Lage und Erwartungen sehen wir einen leichten Dreh nach oben. Ob daraus mehr wird, zeigt sich aber erst im Laufe des Jahres. Unsere Unternehmen arbeiten sich Schritt für Schritt aus der Schwächephase. Für echte Dynamik fehlen weiterhin die entscheidenden Impulse.“ Genau deshalb brauche es jetzt Rückenwind aus der Politik, so Paal. „Ich erwarte von der Landespolitik direkt nach der Wahl ein Sofortprogramm. Nicht auf Bund oder Europa warten – selbst handeln. Keine neuen Fördertöpfe, sondern klare Prioritäten und spürbare Entlastungen. Die Vorschläge zum Bürokratieabbau liegen auf dem Tisch – sie müssen gebündelt und konsequent umgesetzt werden, nicht scheibchenweise. Wer nur auf Nummer sicher geht, kommt nicht voran.“
Handelspolitik muss verlässlicher werden
Auch die Unsicherheit der Betriebe bleibt hoch: 54 Prozent der Industrieunternehmen nennen geopolitische Risiken weiterhin als zentrales Geschäftsrisiko. Besonders kritisch sieht Paal deshalb auch die stockende Handelspolitik auf europäischer Ebene. „Das Abkommen mit Indien zeigt, welches Potenzial in strategischen Partnerschaften steckt. Aber gute Absichtserklärungen reichen nicht. Entscheidend ist die schnelle Ratifizierung“, betont der BWIHK-Vize. Mit Blick auf das Mercosur-Abkommen wird er noch deutlicher: „Seit Jahren wird verhandelt, geprüft und vertagt. Jede weitere Verzögerung sendet das falsche Signal an unsere Unternehmen – und an unsere Handelspartner. Europa darf sich nicht selbst blockieren.“ Die Folgen politischer Unsicherheit zeigten sich direkt in den zurückhaltenden Erwartungen der Unternehmen. „Wo Planungssicherheit fehlt, werden Investitionen verschoben. Das sehen wir schwarz auf weiß in unseren Zahlen.“
Blick in die Weltregionen
Nordamerika: Erholung mit Vorbehalt
In Nordamerika bleibt das Bild gemischt: Jeweils 29 Prozent der Unternehmen rechnen mit steigenden beziehungsweise sinkenden Exporten. Im Sommer 2025 überwogen noch deutlich die pessimistischen Stimmen (41 Prozent). Die Lage hat sich stabilisiert – berechenbar ist sie jedoch nicht.
USA: Engagiert, aber vorsichtiger
In den Vereinigten Staaten halten sich Optimisten und Pessimisten nahezu die Waage: 30 Prozent erwarten steigende Ausfuhren, ein Drittel Rückgänge. Im Sommer 2025 gingen 53 Prozent von sinkenden Ausfuhren aus. „Gerade in den USA zeigt sich, wie sensibel die Exportwirtschaft auf politische Rahmenbedingungen reagiert“, so Paal. „Die internationale Berechenbarkeit hat gelitten. Das ist kein guter Ausgangspunkt für ein exportorientiertes Land wie Baden-Württemberg und insbesondere die Region Stuttgart.“
Süd- und Mittelamerika: Gedämpfte Erwartungen trotz Mercosur-Perspektive
Für Süd- und Mittelamerika fallen die Erwartungen zwar per Saldo positiv aus – 24 Prozent rechnen mit steigenden Ausfuhren, 15 Prozent mit sinkenden. Doch das erhoffte Signal des Mercosur-Abkommens bleibt bislang aus. Zwar erwarteten im Sommer bereits 19 Prozent der Industrieunternehmen einen Anstieg der Ausfuhren (bei 17 Prozent, die Rückgänge befürchteten), doch die tatsächliche Verbesserung bleibt hinter den erhofften Effekten zurück.
Eurozone und Asien: Leichte Erholung, aber kein Überschwang
Auch in der Eurozone keimt wieder etwas Hoffnung auf: 24 Prozent der Unternehmen erwarten steigende Exporte, 18 Prozent sinkende. Im Vergleich zum Sommer hat sich die Stimmung etwas aufgehellt. Damals rechneten 25 Prozent mit einem zunehmenden Exportgeschäft und 23 Prozent mit einer Abnahme. Am positivsten fällt der Blick nach Asien aus. 29 Prozent der international tätigen Unternehmen rechnen hier mit wachsenden Ausfuhren, drei Prozentpunkte mehr als noch im Sommer. 19 Prozent gehen von einem Rückgang aus (minus zwei Prozentpunkte). Die Einigung über das Handelsabkommen zwischen der EU und Indien sendet ein wichtiges Zeichen – auch wenn die formale Ratifizierung noch aussteht.
Für China hingegen bleibt die Lage gedämpft: 22 Prozent erwarten steigende Exporte, das sind zwei Prozentpunkte weniger als im Sommer. 28 Prozent rechnen mit einem Rückgang, im Sommer waren das 25 Prozent.
Auslandsinvestitionen: Stabilität statt Expansion
Bei den Auslandsinvestitionen zeigt sich ein ähnliches Bild: Stabilität statt Dynamik. Rund ein Drittel der Industriebetriebe investiert im Ausland – nahezu unverändert zum Vorjahr. 34 Prozent wollen ihre Budgets erhöhen, 13 Prozent planen Kürzungen. „Wir sehen keinen Rückzug aus den internationalen Märkten – aber auch keinen Investitionsboom“, erklärt Paal. „Die Unternehmen halten ihre Positionen und investieren gezielt.“ Auffällig ist ein Wechsel der Investitionsmotive: Stand zuletzt der Ausbau von Vertrieb und Kundendienst im Vordergrund, geht es nun stärker um Kosteneffizienz. Für knapp 39 Prozent der Unternehmen ist die Senkung von Produktionskosten das wichtigste Motiv. „Der stärkere Fokus auf Effizienz zeigt, unter welchem Wettbewerbsdruck viele Betriebe stehen“, so Paal. „Internationale Wettbewerbsfähigkeit beginnt mit guten Rahmenbedingungen hier vor Ort.“ Regional bleibt Asien der dynamischste Investitionsraum. In Nordamerika und den USA überwiegt weiterhin Engagement – allerdings mit gedrosselter Dynamik. In der Eurozone halten sich expansive und restriktive Pläne weitgehend die Waage, China entwickelt sich verhaltener.
Informationen zur Umfrage
Diese Analyse basiert auf der BWIHK-Konjunkturumfrage der zwölf Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg zum Jahresbeginn 2026. Landesweit haben sich 1.240 Industrieunternehmen beteiligt. Die Betriebe wurden zwischen dem 29. Dezember 2025 und dem 20. Januar 2026 befragt. Claus Paal ist Vizepräsident des BWIHK und Präsident der IHK Region Stuttgart, die im BWIHK federführend für volkswirtschaftliche Themen ist.
Der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) ist eine Vereinigung der zwölf baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern (IHKs). In Baden-Württemberg vertreten die zwölf IHKs die Interessen von mehr als 650.000 Mitgliedsunternehmen. Zweck des BWIHK ist es, in allen die baden-württembergische Wirtschaft und die Mitgliedskammern insgesamt betreffenden Belangen gemeinsame Auffassungen zu erzielen und diese gegenüber der Landes-, Bundes- und Europapolitik sowie der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und anderen Institutionen zu vertreten.
PM Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag