Erlebnisse iranischer Geflohener in der EmK-Friedenskirche: „Nicht mehr dort, noch nicht hier“

Zu zwei weiteren Abenden der sechs-teiligen Reihe mit persisch-deutschen Lesungen, Musik und Diskussionen lädt die Evangelisch-methodistische Kirche an den Freitagen 9. und 23. Oktober, jeweils um 19:30 Uhr, in die EmK-Friedenskirche, Friedrichstraße 27 in 73033 Göppingen ein. Mit Texten in deutscher und persischer Sprache, Bildern und Musik werden Erlebnisse iranischer Geflohener vorgestellt und gemeinsam besprochen. Die Reihe „Nicht mehr dort, noch nicht hier“ wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Start war mit zwei Abenden noch vor der Sommerpause.

Was machen Unterdrückung, Verfolgung und Flucht in einen fremden Kulturkreis mit einem Menschen? Wie ändern sich dessen Pläne, Chancen und Entwicklungen? Siavash Arabkhani ist diesen Fragen nachgegangen in seinem Buch „Mein ungelebtes Selbst“. Ein Rucksack, nein, unzählige Rucksäcke, zurückgelassen am Meeresufer in der Türkei. Rucksäcke, voll gepresst mit dem, was nach 30, 40 Jahren Leben im Iran mitgenommen werden konnte – und dann doch am Ufer zurückgelassen werden mussten, damit das Boot leichter wird. Eigentlich ist das Schlauchboot für acht Personen gedacht; doch rund 50 Personen machen sich in ihm auf dem Weg nach Griechenland. Am Tag zuvor sind bei einem ähnlichen Versuch etwa 40 Menschen ertrunken … Doch Siavash Arabkhani und sein Bruder haben Glück: Nach endlosem Bangen taucht die orange-farbige Küste Griechenlands auf. Die drastische Schilderung einer dramatischen Flucht endet im orangen Glück – orange leuchten am griechischen Strand die ungezählten zurückgelassenen Rettungswesten früherer Geflüchteter. Nur nicht zu früh auffallen …

Das Meer ist nicht nur eine Grenze zwischen Ländern, sondern auch zwischen Sprachen. Vertraute Wörter werden heimatlos und durch neue ersetzt, durch neue Wörter, die nach Angst und Meer klingen. Die mitgebrachte Sprache wird nutzlos; die neue Sprache, die man lernen möchte, bleibt lange unverständlich. Wörter irren zwischen zwei Ländern. Gefühle, Erfahrungen, Erinnerungen sind in der Muttersprache zurückgeblieben. Ein Gespräch auf Deutsch wird ohne Emotion geführt, mit trockenen Vokabeln, zu denen die innere Verbindung fehlt. Die Emotionen gehen während der Übersetzung verloren. Siavash Arabkhani schreibt sein Buch auf Persisch. An sechs Abenden liest er einzelne Seiten auf Persisch; anschließend liest Kimia Mokari die gleichen Passagen auf Deutsch. Seine Lieder singt Arabkhani ebenfalls auf Persisch – eine deutschsprachige Zusammenfassung des Textes erscheint auf Großbildschirm zum Mitlesen. Eingeblendete Bilder runden die einzelnen Szenen eindrücklich ab: das letzte Foto im Iran mit der Familie, Fluchtstationen, Asylunterkunft, Taufe und Aufnahme in die EmK in Fürth.

Und dann kommen die Persisch- und die Deutsch-sprachigen Besucher*innen bei iranischen Tee und Gebäck ins Gespräch. Soziale und berufliche Integration gelinge nur mit gleichzeitiger emotionaler Integration. Sprache sei schließlich entstanden, um Gefühle, Empfindungen auszudrücken. Für ältere Geflohene sei dieser Weg schwieriger, bei Jüngeren könne die Zeit helfen. Aber bei allen stand am Anfang die Angst, ausgelacht zu werden, Gesprächen im Weg. Mit dem Schreiben, mit dem Verarbeiten der Flucht in Textform, habe er sich selber besser kennengelernt, so Siavash Arabkhani. Er habe erkannt, wer er hätte sein können, welches Leben er hätte leben können. Daher nennt er sein Buch auch „Mein ungelebtes Selbst“.

Vor Kimia Mokari ist ein traditioneller Nouruz-Tisch aufgebaut. Nouruz ist das Neujahrsfest des persischen Kulturraums, das mit dem Frühlingsbeginn zur Tag-und-Nacht-Gleiche gefeiert wird. Nouruz fällt auf den 20. oder 21. März und beginnt, je nach astronomischem Eintritt der Sonne in den Frühlingspunkt, zu unterschiedlichen Tageszeiten. Im Exil fühle sich Nouruz fremd an: Eine Feier mit der ganzen Großfamilie – wie im Iran üblich – sei in Deutschland nicht möglich, da jeweils nur einige Familienmitglieder geflohen sind. Traditionell liest der Vater aus einem speziellen Buch – im Iran am Feiertag kein Problem, in Deutschland an einem normalen Arbeitstag kaum möglich.

Nach zwei Stunden und 15 Minuten endet der erste Abend unter dem Motto „Grenze und Sprache“. Die Besucher*innen gehen, mit tiefen Einblicken bereichert, auseinander – und freuen sich schon auf die weiteren Begegnungen und Gespräche.

„Wurzel und Ursache“ ist der zweite Abend überschrieben. Er beginnt mit einem Film vom letzten Zusammensein der Familie in der Wohnung im Iran. Siavash Arabkhani ist ein traditioneller iranischer Musiker, doch seine Bibliothek und seine Instrumente musste er zurücklassen. Dieses Mal dreht sich die Lesung um das „ungelebte Selbst“ als verlorener Teil des Menschen auch in der ursprünglichen Heimat. Religion, Regime und nicht zuletzt auch das daraus resultierende Bildungssystem verhindern das freie Leben, die freie Entfaltung des eigenen Selbst. Arabkhani und einige Freunde planten beispielsweise ein Konzert mit einer Sängerin „mit einer phantastischen Stimme“. Doch das Konzert wurde kurzfristig verboten, weil eine Frau nicht öffentlich auftreten durfte. Viele Verbote, viele ideologische Neins prägen sich in die Seele ein und verändern das eigene Verhalten. Aber das „ungelebte Selbst“ lässt sich nicht vernichten, es kann –manchmal nach einem Umweg – wiedergeboren werden: Zwei Jahre später heiratete Arabkhani eben diese Frau, und weitere Jahre später, im Exil, haben sie ihren Traum verwirklicht und sind gemeinsam aufgetreten. Ein eingespielter Video-Clip von diesem gemeinsamen Konzert ließ die Freude erahnen…

Dass er seine Gedichte und seine Musik in seiner Heimatsprache schreibt, liest und singt, sei nicht Nostalgie, sondern erhalte die Wurzeln in die alte Heimat lebendig. Es zeige ihm, wer er hätte sein können, wenn er nicht in einem Käfig gelebt hätte. Apropos Wurzeln: Während sich Kimia Mokari und Suavash Arabkhani auf Deutsch duzen, mittlerweile ganz selbstverständlich duzen, spricht sie als Jüngere ihn auf Persisch mit „Herr“ und „Sie“ an, so wie es die persische Höflichkeit gebietet.

Nach der Reihe „KulturKnacker“ werden auch die sechs „Nicht mehr dort, noch nicht hier“-Abende im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die weiteren Abende sind:

Freitag, 09.10.26, 19:30 Uhr: Verlust und Schwebezustand

Freitag, 23.10.26, 19:30 Uhr: Das ungelebte Selbst

Freitag, 13.11.26, 19:30 Uhr: Wiedererkennung und Neugestaltung

Freitag, 27.11.26, 19:30 Uhr: Unvollendet aber lebendig

jeweils in der EmK-Friedenskirche, Friedrichstraße 27 in 73033 Göppingen.

Der Autor und sein Team

Siavash Arabkhani, im November 1982 in der Stadt Zanjan im Nordwesten des Irans geboren, wuchs in einer Künstlerfamilie auf. Während seines Studiums an der Musikuniversität Baku in Aserbaidschan im Jahr 2007 lernte er christliche Menschen kennen und spürte eine Verbindung zu Christus. Dis führte nach seiner Rückkehr in den Iran zu Problemen mit dem iranischen Regime – bis hin zur Verhaftung durch die Sicherheits- und Geheimdienstpolizei. Seine Flucht führte ihn über die Türkei und Griechenland nach Deutschland. Nach einiger Zeit in der EmK Fürth ist Siavash Arabkhani nun in der Göppinger Friedenskirche heimisch geworden. Er studiert Theologie und ist Musiker, Autor, Fotograf und Schauspieler.

Kimia Mokari, im November 1999 in Teheran geboren, studiert im vierten Semester Soziale Arbeit und Diakonie an der Theologischen Hochschule Reutlingen und gehört ebenfalls der EmK Göppingen an. Ihr Vater, Amir Mokari, früher Theaterregisseur in Teheran, leitet die sechs Abende künstlerisch.       Text und Fotos: Olaf Hinrichsen

Foto:  Dietmar Honold (stehend), Vorsitzender des Göppinger EmK-Vorstands, stellte Kimia Mokari, Siavash Arabkhani und Mehrdad Akbarzadek (Technik) vor.

Olaf Hinrichsen

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