Slow Food betont, dass Innovation in den Händen von Bauern, Fischern und Gemeinschaften bleiben muss und nicht von mächtigen Konzernen kontrolliert werden darf.
Unter dem Motto „Heute innovieren. Morgen ernähren.“ wird der Welternährungstag 2026 begangen. Slow Food fordert, dass die Menschen mehr Anerkennung bekommen, deren tägliche Arbeit bereits dazu beiträgt, die Zukunft der Ernährung zu sichern: Bauern, Fischer, indigene Völker und lokale Gemeinschaften, die Biodiversität schützen und Esskulturen bewahren.
Für Slow Food bedeutet Innovation nicht Technologien, die weit entfernt von der Realität der Lebensmittelproduktion entwickelt werden. Weltweit entwickeln lokale Gemeinschaften laufend praktische Lösungen für die Herausforderungen, denen sie begegnen – vom Schutz von Saatgut und der Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit bis hin zur Anpassung von Feldfrüchten an lokale Gegebenheiten und der Stärkung regionaler Märkte. Trotzdem werden diese innovativen Ansätze häufig übersehen und zu wenig gefördert – dabei bringen sie messbare Vorteile für Biodiversität, Lebensgrundlagen und die Fähigkeit der Gemeinschaften, auf die Klimakrise zu reagieren.
„Die Frage ist nicht, ob wir Innovation brauchen, sondern wessen Innovation wir unterstützen wollen“, erklärt Edward Mukiibi, Präsident von Slow Food . „Zu oft wird Innovation als etwas dargestellt, das von großen Unternehmen entwickelt und von oben herab an Bauern weitergegeben wird. Dabei sind Bauern, Fischer und indigene Gemeinschaften selbst Innovatoren: Sie entwickeln tagtäglich Lösungen, die auf lokale Bedürfnisse eingehen, die Biodiversität stärken, die Abhängigkeit von teuren, externen Inputs reduzieren und Wissen in der Gemeinschaft bewahren. Biodiversität ist unser bester Schutz gegen die Klimakrise und für künftige Herausforderungen. Wer die Ernährung von morgen sichern will, muss in diese Formen der Innovation viel mehr investieren und ihnen die Anerkennung geben, die sie verdienen.“
Warum Vielfalt entscheidend ist
Weltweit stehen Lebensmittelproduzenten unter wachsenden Druck – von der Klimakrise und Umweltzerstörung bis hin zu wirtschaftlicher Unsicherheit und dem Verlust lokaler Ernährungstraditionen. Viele der wirksamsten Antworten darauf finden sich jedoch auf den Feldern, in den Wäldern, Almen und Gewässern, wo Gemeinschaften weiterhin verschiedene Feldfrüchte anbauen, regionale Rassen schützen, Saatgut bewahren und Wissen an die nächste Generation weitergeben.
Die Erfahrungen des Terra Madre Netzwerks, dessen Mitglieder kürzlich in Italien zusammenkamen, zeigen, dass die Zukunft des Essens nicht auf Uniformität bauen kann. Auch die Wissenschaft bestätigt dies: der https://www.fao.org/newsroom/detail/The-biodiversity-that-is-crucial-for-our-food-and-agriculture-is-disappearing-by-the-day/en „State of the World’s Biodiversity for Food and Agriculture“ zeigt, dass Biodiversität eine zentrale Rolle für die Resilienz von Lebensmittelsystemen spielt, sie hilft, sich an Veränderungen anzupassen und nach Krisen zu erholen. Deshalb ist die Unterstützung von Bauern und Gemeinschaften, die diese Vielfalt bewahren, eine der wirksamsten Antworten auf die miteinander verflochtenen Herausforderungen Hunger, Klimakrise und Verlust von Biodiversität.
Eine wachsende Ernährungskrise
Die aktuelle Ausgabe des State of Food Security and Nutrition in the World schätzt, dass im Jahr 2024 rund 673 Millionen Menschen an Hunger litten und 2,6 Milliarden sich keine gesunde Ernährung leisten konnten. Gleichzeitig erlebte fast ein Drittel der Weltbevölkerung eine moderate oder schwere Ernährungssicherung.
Gleichzeitig nimmt die landwirtschaftliche Vielfalt stetig ab. Mit zunehmender Abhängigkeit der industriellen Lebensmittelproduktion von wenigen Feldfrüchten werden Lebensmittelsysteme anfälliger für Schädlinge, Krankheiten und Extremwetterereignisse, die im Zusammenhang mit der Klimakrise stehen. Laut FAO werden von den etwa 6.000 weltweit als Nahrung kultivierten Pflanzenarten nur neun Feldfrüchte für 66 % der gesamten Ernteproduktion genutzt. Der Schutz der agrarischen Vielfalt ist also mehr als nur Naturschutz: Er ist entscheidend für Ernährungssicherheit, gesunde Ernährung und widerstandsfähige landwirtschaftliche Systeme in einer immer unsichereren Welt.
Ernährung ist ein Menschenrecht
Für Slow Food bedeutet der Weg zu einer gerechten Ernährungszukunft auch, den Zugang zu Nahrung als grundlegendes Menschenrecht anzuerkennen. Deshalb unterstützt die Organisation die Europäische Bürgerinitiative „Food is a Human Right for All!“, die die Europäische Union dazu auffordert, das Recht auf Nahrung durch eine umfassende Gesetzgebung zu garantieren und Lebensmittelsysteme zu fördern, die gesund, fair und nachhaltig sind.
„Essen ist eine der grundlegendsten Ausdrucksformen unseres gemeinsamen Menschseins. Trotzdem kämpfen Millionen Menschen noch immer darum, gutes Essen zu bekommen – während diejenigen, die es erzeugen, selbst oft unsicher leben“, sagt Edward Mukiibi. „Die Anerkennung von Nahrung als Menschenrecht ist ein starkes Signal, damit jeder Zugang zu gutem, sauberem und fairem Essen bekommt – und gleichzeitig die Gemeinschaften unterstützt werden, die das ermöglichen.“
Am Welternährungstag fordert Slow Food Regierungen und Institutionen auf, politische Maßnahmen zu stärken, die Agrarökologie fördern, Biodiversität schützen, handwerkliche Erzeuger unterstützen und das Wissen in landwirtschaftlichen und Fischereigemeinschaften als wertvolle Ressource für die Zukunft anerkennen. Innovation darf nicht in den Händen Weniger konzentriert sein. Sie muss in den Gemeinschaften verwurzelt bleiben, sich an den Bedürfnissen der Menschen und Regionen orientieren und dem Gemeinwohl dienen. Wer diejenigen unterstützt, die sich um Land, Wasser, Saatgut und Esskulturen kümmern, hilft mit, Lebensmittelsysteme zu schaffen, die Menschen und unseren Planeten für kommende Generationen ernähren.
Foto: Slow Food Farm in Mexiko
PM Slow Food Deutschland e.V.