Fast täglich sehe ich welche. Wenn ich mit dem Auto im Landkreis unterwegs bin, wenn ich mit dem Fahrrad durch unsere Dörfer fahre: Straßenkreuze. Manche sind liebevoll geschmückt mit Blumen. Andere sind sehr schlicht.
„Unorte des Sterbens“ hat ein Unfallmediziner sie einmal genannt. Meistens fahre ich daran vorbei, ohne viel darüber nachzudenken. Aber manchmal bleiben meine Gedanken bei diesen Kreuzen hängen. Sie erinnern an Menschen. Und sie erzählen von Liebe und Schmerz.
Schnell kommt mir in den Sinn: Schuld daran war vielleicht jugendlicher Leichtsinn. Aber dann denke ich: Was kann nicht alles bei einer einzigen Autofahrt geschehen? Wie oft bin ich selbst schon einem Unfall nur knapp entgangen? Weil ich zu schnell gefahren bin. Weil ich zu müde zum Autofahren war und trotzdem gefahren bin. Oder auch nur, weil ich unkonzentriert und mit den Gedanken woanders als auf der Straße war. Bisher ist mir noch nichts passiert. Ich wurde beschützt. Oder war es einfach nur Glück?
Und die Menschen, deren Namen auf den Kreuzen stehen? Hatten sie bloß Pech?
Ich weiß nicht – mir ist das zu einfach. Wer oder was war wirklich schuld? Warum ist das passiert?
Auf solche Fragen bekomme ich keine Antworten. Solche Fragen kann ich nur aushalten. Oder ich muss sie an Gott selbst adressieren. „Ach, Gott…“. Er ist der Grund meines Lebens. Und manchmal auch der Abgrund. Ich hoffe, dass ich dereinst Antworten von ihm selbst bekomme.
Aber bis es so weit ist, spüre ich beim Vorüberfahren an diesen Straßenkreuzen: das Leben ist zerbrechlich. Mein Leben ist zerbrechlich. Ich habe es nicht selbst in der Hand. Deshalb will ich beim Autofahren acht geben auf mich und andere. Und wenn Sie unterwegs sind, machen Sie es bitte auch so! Kommen Sie heil und behütet an.
Achim Esslinger, evang. Pfarrer am Alb-Fils-Klinikum