Es gibt Geschichten, die verschwinden leise.
Nicht, weil sie unwichtig wären –
sondern weil niemand mehr nach ihnen fragt.
Die Geschichte der Glasstadt Schwäbisch Gmünd
ist eine solche Geschichte.
Sie lag jahrzehntelang unter Schichten aus Alltag,
Wandel,
Schweigen.
Nicht vergessen –
nur unbeachtet.
Diese Reportage holt sie zurück.
Es erzählt von einer Stadt,
die glühte wie ein Ofen.
Von Männern,
die mit bloßen Händen arbeiteten.
Von Frauen,
die schufteten, ohne je erwähnt zu werden.
Von Kindern,
die vor Werkstoren spielten,
ohne zu wissen,
dass sie Teil einer industriellen Identität waren.
Und es erzählt von einem Jungen,
der in diese Welt hineinging –
und als Mann wieder herauskam.
DER ERSTE SCHRITT IN DIE HITZE
Ich war noch ein Junge,
als ich zum ersten Mal die Halle betrat.
Die Hitze schlug mir entgegen
wie eine Wand aus Licht und Atem.
Die Luft vibrierte.
Der Boden zitterte.
Die Männer bewegten sich
wie Schatten im Feuer.
Ich wusste nicht,
dass dieser erste Schritt
mein Leben verändern würde.
DIE MÄNNER DER HÜTTE
Sie waren keine Lehrer.
Sie waren keine Pädagogen.
Sie waren Männer,
die arbeiteten.
Ihre Hände waren voller Schwielen,
ihre Stimmen rau,
ihre Bewegungen präzise.
Sie erklärten wenig.
Sie zeigten viel.
Und ich lernte,
indem ich hinsah.
DIE SPRACHE DES FEUERS
Feuer spricht.
Nicht in Worten,
sondern in Zeichen.
Ein Flackern,
ein Zucken,
ein Atemzug des Ofens.
Wer die Sprache des Feuers nicht verstand,
konnte kein Glas machen.
Ich lernte langsam.
Und das Feuer
war ein strenger Lehrer.
DIE GLASMACHERPFEIFE
Die Pfeife war mehr als ein Werkzeug.
Sie war ein Übergang.
Ein Prüfstein.
Ein Versprechen.
Wer die Pfeife halten durfte,
war kein Kind mehr.
Ich hielt sie zum ersten Mal
mit zitternden Händen.
Und die Männer sahen zu,
ob ich würdig war.
DIE STILLE ZWISCHEN DEN SCHICHTEN
Zwischen den Schichten gab es Momente,
in denen die Hütte atmete.
Die Öfen glühten weiter,
aber die Männer standen still.
Diese Stille war kein Leerlauf.
Sie war Teil der Arbeit.
In ihr hörte man
das Knacken des Glases,
das Atmen des Feuers,
das Murmeln der Männer.
Es war die Stille,
in der man begriff,
dass man Teil von etwas Größerem war.
DIE ERSTEN FEHLER
Fehler gehören zur Hütte
wie Hitze zum Ofen.
Ich machte viele.
Zu viele.
Doch niemand schrie.
Niemand beschimpfte mich.
Ein Mann sagte nur:
„Nochmal.“
Ein anderer:
„Des wird scho.“
Und ich lernte.
Nicht aus Angst,
sondern aus Verantwortung.
DIE MÄNNER HINTER DEM GLAS
Je länger ich in der Hütte war,
desto mehr begriff ich:
Glas wird nicht von Maschinen gemacht.
Glas wird von Menschen gemacht.
Von Händen,
die wussten,
wie sich Hitze anfühlt.
Von Augen,
die erkannten,
wann ein Werkstück bereit war.
Diese Männer
waren die Seele der Hütte.
DIE FRAUEN DER GLASSTADT
Die Hütte war eine Männerwelt.
Aber die Glasstadt –
die gehörte auch den Frauen.
Sie sortierten,
schliffen,
verpackten,
kontrollierten.
Sie hielten Familien zusammen,
während die Männer Schichten schoben.
Ohne sie
gäbe es keine Glasstadt.
DIE KINDER VOR DEN TOREN
Wir Kinder spielten oft
vor den Werkstoren.
Wir kannten die Männer,
die hinein- und hinausgingen.
Wir wussten,
wann eine Schicht gut war
und wann nicht.
Wir ahnten nicht,
dass wir Zeugen einer Zeit waren,
die verschwinden würde.
DIE STADT, DIE GLÜHTE
Schwäbisch Gmünd
war damals keine Stadt wie jede andere.
Sie glühte.
Nicht nur wegen der Öfen,
sondern wegen der Menschen.
Die Glasstadt war ein Herzschlag.
Ein Rhythmus.
Ein Puls.
Man hörte die Hütte,
selbst wenn man sie nicht sah.
Sie war Teil von allem.
Teil der Stadt.
Teil der Menschen.
Teil von mir.
DIE NÄCHTE DER HÜTTE
Nachtschichten hatten ihren eigenen Klang.
Die Stadt schlief,
aber die Hütte wachte.
Die Öfen glühten wie Monde,
und die Männer bewegten sich
wie Schatten im Licht.
In der Nacht war die Arbeit härter,
aber die Gemeinschaft stärker.
Man sprach weniger,
aber verstand mehr.
Die Nacht nahm alles Überflüssige weg
und ließ nur das übrig,
was zählte:
Arbeit,
Verantwortung,
Zusammenhalt.
DER RHYTHMUS DER SCHICHT
Jede Schicht hatte ihren Rhythmus.
Ein Takt,
den niemand vorgab
und jeder kannte.
Der Ofen bestimmte den Puls.
Das Glas bestimmte die Schritte.
Die Männer bestimmten die Harmonie.
Es war ein Tanz ohne Musik,
ohne Bühne,
ohne Applaus.
Ein Tanz,
der nur funktionierte,
wenn jeder wusste,
wann er führen
und wann er folgen musste.
DIE ERSTEN ANERKENNUNGEN
Anerkennung kam selten in Worten.
Sie kam in Blicken.
In einem Nicken.
In einem kurzen „Guat gmacht“.
Ich erinnere mich an den Tag,
an dem einer der älteren Männer
mir seine Pfeife reichte
und sagte:
„Mach du.“
Es war kein Auftrag.
Es war ein Vertrauensbeweis.
DIE LAST DER HITZE
Hitze ist nicht nur Temperatur.
Hitze ist Gewicht.
Hitze ist Prüfung.
Hitze ist Wahrheit.
Sie nimmt dir die Kraft,
wenn du nicht aufpasst.
Sie fordert Respekt,
jeden Tag.
Hitze zeigt,
wer du bist.
Sie nimmt dir jede Maske.
KAPITEL 15 – DIE ERSTEN EIGENEN STÜCKE
Es kam der Tag,
an dem ich eigene Stücke machen durfte.
Kleine Dinge zuerst.
Nichts Besonderes.
Aber für mich
war es ein Meilenstein.
Ein Stück,
das Bestand hatte.
Kein Meisterwerk –
aber meins.
DIE VERANTWORTUNG WÄCHST
Mit jedem gelungenen Stück
wuchs die Verantwortung.
Ich durfte an größere Formen.
An schwierigere Arbeiten.
An Aufgaben,
bei denen Fehler teuer waren.
Verantwortung kam nicht mit Worten.
Sie kam mit Momenten.
DIE GEMEINSCHAFT DER SCHICHT
Eine Schicht war mehr als Arbeit.
Sie war ein Gefüge.
Ein Netz.
Eine Gemeinschaft.
Man wusste,
wer wann übernehmen musste.
Wer wann schwieg.
Wer wann sprach.
Die Hütte war kein Ort für Ego.
Sie war ein Ort für Miteinander.
DIE ERSTEN ABSCHIEDE
Die Hütte war ein Ort des Anfangs.
Aber sie war auch ein Ort der Abschiede.
Manchmal ging ein Mann,
weil er alt wurde.
Manchmal,
weil die Hitze zu viel war.
Manchmal,
weil das Leben ihn woanders hinrief.
Diese Abschiede waren nie laut.
Keine Reden.
Keine Feiern.
Nur ein Händedruck,
ein Blick,
ein kurzes „Mach’s guat“.
Ein Platz leer.
Ein Rhythmus verändert.
Ein Stück Geschichte verschwunden.
DIE VERANTWORTUNG DER JUNGEN
Mit jedem Abschied
wuchs die Verantwortung der Jungen.
Wir mussten übernehmen,
was andere jahrzehntelang getragen hatten.
Wir mussten Formen halten,
die schwerer waren als sie aussahen.
Wir mussten Entscheidungen treffen,
die früher andere trafen.
Eines Tages stand ich an einem Ofen
und merkte,
dass niemand mehr hinter mir stand,
um mich zu korrigieren.
Ich war jetzt der,
auf den andere schauten.
DIE STADT IM WANDEL
Während wir arbeiteten,
veränderte sich die Stadt.
Neue Geschäfte entstanden.
Alte verschwanden.
Straßen wurden breiter,
Häuser moderner,
Menschen unruhiger.
Die Glasstadt,
die einst das Herz der Region war,
begann leiser zu werden.
Nicht weniger wichtig –
nur weniger sichtbar.
Man sprach weniger über die Hütte.
Man sprach mehr über Zukunft,
Technik,
Wandel.
Doch wir,
die in der Hitze standen,
spürten,
dass etwas zu Ende ging.
Nicht sofort,
nicht abrupt,
aber spürbar.
DIE JAHRE DER ROUTINE
Routine ist kein Stillstand.
Routine ist ein Zustand,
in dem man weiß,
was man tut –
und warum.
Die Jahre vergingen,
und ich wurde sicherer.
Nicht überheblich,
nicht leichtsinnig,
sondern ruhig.
Ich kannte die Öfen.
Ich kannte die Hitze.
Ich kannte die Männer.
Ich kannte mich selbst.
Die Arbeit wurde nicht leichter,
aber sie wurde vertrauter.
Und Vertrautheit
ist eine Form von Stärke.
DIE KLEINEN RITUALE
Jede Schicht hatte ihre Rituale.
Ein Kaffee vor Beginn.
Ein kurzer Blick in die Halle.
Ein Nicken zu den Männern.
Ein prüfender Blick auf die Öfen.
Diese Rituale waren unscheinbar,
aber sie gaben Halt.
Sie strukturierten den Tag,
die Arbeit,
das Leben.
Rituale sind die leisen Anker
im Lärm der Arbeit.
DIE GESPRÄCHE AM RAND
Die Hütte war laut,
aber die wichtigsten Gespräche
fanden im Leisen statt.
Am Rand des Ofens.
Beim kurzen Durchatmen.
Beim Warten auf die richtige Temperatur.
Es waren keine großen Worte.
Keine tiefen Bekenntnisse.
Keine langen Geschichten.
Es waren Sätze wie:
„Wie geht’s daheim?“
„Alles gut mit’m Kleinen?“
„Hesch’s g’hört? Der Karl hört uff.“
Diese Gespräche
waren das soziale Netz der Hütte.
Sie hielten uns zusammen,
ohne dass wir es merkten.
DIE ERSTEN RISSE
Nichts bleibt ewig.
Auch nicht die Hütte.
Die ersten Risse waren unscheinbar.
Ein Ofen, der öfter repariert werden musste.
Ein Bereich, der stillgelegt wurde.
Ein Auftrag, der ausblieb.
Niemand sprach es aus,
aber jeder spürte es:
Etwas veränderte sich.
Risse sind nicht das Ende.
Aber sie sind ein Zeichen.
DIE GESPRÄCHE ÜBER DIE ZUKUNFT
Irgendwann begannen die Männer
über Zukunft zu sprechen.
Nicht über ihre eigene –
über die der Hütte.
„Meinst, des hält no lang?“
„Früher war mehr los.“
„Die Jungen geh’n nimmer nei.“
„Die Zeiten ändere sich.“
Es waren keine Klagen.
Es waren Feststellungen.
Nüchtern.
Ehrlich.
Unausweichlich.
Wir wussten,
dass wir Teil einer Zeit waren,
die sich dem Ende zuneigte.
DIE LETZTEN LEHRJAHRE
Ich wurde älter.
Und plötzlich war ich der,
der andere einlernte.
Ich zeigte ihnen,
wie man die Pfeife hält.
Wie man die Hitze liest.
Wie man Fehler erkennt,
bevor sie passieren.
Lehren ist ein Spiegel.
Man sieht darin,
wer man geworden ist.
DIE VERANTWORTUNG DER ERFAHRUNG
Mit Erfahrung
kommt Verantwortung.
Nicht die Verantwortung,
alles zu wissen.
Sondern die Verantwortung,
weiterzugeben,
was man gelernt hat.
Ich wurde gefragt.
Ich wurde gebraucht.
Ich wurde gehört.
Erfahrung ist kein Besitz.
Sie ist ein Auftrag.
DIE SCHATTEN DER VERÄNDERUNG
Die Veränderungen wurden deutlicher.
Aufträge wurden weniger.
Schichten wurden gekürzt.
Bereiche geschlossen.
Die Hütte war nicht mehr
der Herzschlag der Stadt.
Sie war ein Echo.
Ein Echo,
das leiser wurde.
DIE LETZTEN GUTEN JAHRE
Trotz aller Veränderungen
gab es noch gute Jahre.
Jahre,
in denen die Öfen voll liefen.
In denen die Aufträge stabil waren.
In denen die Männer lachten,
arbeiteten,
stritten,
lebten.
Es waren Jahre,
in denen man spürte,
dass etwas Großes zu Ende ging –
aber noch nicht vorbei war.
DIE AHNUNG VOM ENDE
Irgendwann kam der Moment,
an dem die Ahnung
zur Gewissheit wurde.
Nicht durch eine Ankündigung.
Nicht durch ein Schreiben.
Nicht durch ein Gespräch.
Sondern durch das Gefühl,
das in der Halle hing.
Schwerer als die Hitze.
Dichter als der Rauch.
Die Hütte war müde.
Die Stadt war weitergezogen.
Die Welt hatte sich verändert.
Und wir wussten:
Das Ende war nicht mehr fern.
DIE LETZTEN LEHRLINGE
Es kamen immer weniger Junge nach.
Früher standen sie Schlange,
neugierig,
ehrfürchtig,
bereit, die Hitze zu tragen.
Jetzt kamen nur noch wenige.
Manche blieben ein paar Wochen,
manche ein paar Monate,
manche gingen nach der ersten Brandblase.
Nicht, weil sie schwach waren.
Sondern weil die Welt sich verändert hatte.
Weil andere Wege offenstanden.
Weil die Hütte nicht mehr
das Versprechen einer Zukunft war.
Wir versuchten, ihnen beizubringen,
was uns geprägt hatte.
Aber wir wussten:
Wir waren die Letzten,
die dieses Wissen
noch aus erster Hand trugen.
DIE GESPRÄCHE ÜBER DAS ENDE
Irgendwann sprachen wir offen darüber.
Nicht mehr nur am Rand,
nicht mehr nur im Flüsterton,
sondern mitten in der Halle.
„Wie lang macha die des no?“
„Des lohnt sich doch nimmer.“
„Die Stadt hat sich verändert.“
„Mir au.“
Es waren keine Klagen.
Es waren Bestandsaufnahmen.
Nüchtern.
Ehrlich.
Unausweichlich.
Wir wussten,
dass wir Zeugen eines Endes waren.
Nicht eines Zusammenbruchs –
eines Auslaufens.
Ein Feuer,
das nicht erlischt,
sondern langsam kleiner wird.
DIE LETZTEN GROSSEN AUFTRÄGE
Dann kamen sie doch noch einmal:
die großen Aufträge.
Die, bei denen die Halle vibrierte.
Die, bei denen die Öfen glühten
wie in alten Zeiten.
Die, bei denen die Männer
noch einmal zeigten,
was sie konnten.
Es waren Wochen voller Kraft.
Voller Stolz.
Voller Erinnerung.
Wir arbeiteten,
als wollten wir beweisen,
dass die Hütte noch immer
alles geben konnte.
Und sie gab.
Wir auch.
Es war ein letztes Aufbäumen.
Ein letztes Leuchten.
Ein letztes Zeichen.
DIE MÜDIGKEIT DER JAHRE
Doch nach dem Leuchten
kam die Müdigkeit.
Nicht die Müdigkeit eines Tages,
sondern die Müdigkeit eines Lebens.
Einer Ära.
Einer Stadt.
Die Öfen liefen noch,
aber sie klangen anders.
Die Halle war noch voll,
aber sie fühlte sich leerer an.
Die Männer arbeiteten noch,
aber sie wussten:
Es war nicht mehr wie früher.
Müdigkeit ist kein Versagen.
Sie ist ein Zeichen,
dass etwas Großes
seine Zeit hatte.
DIE LETZTEN MEISTERSTÜCKE
Manchmal,
wenn die Stimmung passte
und die Hitze stimmte,
entstanden noch Meisterstücke.
Nicht, weil jemand sie verlangte.
Nicht, weil sie bezahlt wurden.
Sondern weil jemand
es noch einmal wissen wollte.
Ein perfekter Zug.
Eine makellose Form.
Ein Glas,
das im Licht schwebte
wie ein Tropfen Zeit.
Diese Stücke waren
keine Produkte.
Sie waren Erinnerungen.
Verdichtet.
Geblasen.
Geformt.
Sie waren das Vermächtnis
einer Generation,
die wusste,
dass sie die Letzte sein würde.
DIE GESPRÄCHE ÜBER DAS DANACH
Irgendwann sprachen wir nicht mehr
über das Ende der Hütte,
sondern über das Danach.
„Was machsch du, wenn’s vorbei isch?“
„I weiß no net.“
„Vielleicht no a paar Jahr woanders.“
„Vielleicht hör i ganz uff.“
Es waren Gespräche,
die schwerer waren
als jede Schicht.
Denn Arbeit war nicht nur Arbeit.
Sie war Identität.
Halt.
Rhythmus.
Zugehörigkeit.
Das Danach
war ein unbekanntes Land.
Und wir waren Männer,
die ihr Leben lang
in der Hitze gestanden hatten.
DIE LETZTEN LEHRSTUNDEN
In den letzten Jahren
lernte ich mehr
als in den ersten.
Nicht über Glas.
Nicht über Feuer.
Nicht über Technik.
Sondern über Menschen.
Ich sah,
wie Männer mit Würde gingen.
Wie andere kämpften,
weil sie nicht loslassen konnten.
Wie manche still wurden,
weil Worte nicht reichten.
Wie einige lachten,
weil Lachen leichter war
als Weinen.
Die letzten Lehrstunden
waren keine technischen.
Es waren menschliche.
DIE STILLE VOR DEM SCHLUSS
Bevor etwas endet,
wird es still.
Nicht die Stille der Pause.
Nicht die Stille der Nacht.
Eine andere Stille.
Eine Stille,
die weiß.
Die spürt.
Die akzeptiert.
Die Öfen liefen noch,
aber sie klangen anders.
Die Halle war noch hell,
aber das Licht wirkte kälter.
Die Männer arbeiteten noch,
aber ihre Bewegungen
waren schwerer.
Es war die Stille
vor dem Schluss.
DER LETZTE ARBEITSTAG
Der letzte Arbeitstag
kam ohne Trommeln.
Ohne Reden.
Ohne Zeremonie.
Wir kamen wie immer.
Wir arbeiteten wie immer.
Wir schwiegen wie immer.
Und doch war alles anders.
Jeder Handgriff
war ein Abschied.
Jeder Blick
ein Erinnern.
Jeder Schritt
ein Loslassen.
Als der Ofen zum letzten Mal
heruntergefahren wurde,
war es,
als würde ein Herz
langsamer schlagen.
Wir standen da,
schweigend,
nebeneinander.
Keiner sagte etwas.
Es gab nichts zu sagen.
Man kann ein Leben
nicht in Worte fassen,
wenn es endet.
Man kann nur atmen.
Und gehen.
DIE LEERE DANACH
Nach dem Ende
kam die Leere.
Nicht sofort.
Zuerst war da Erleichterung.
Ein ungewohntes Gefühl
von Zeit.
Von Freiheit.
Von Stille.
Doch dann
kam die Leere.
Die Hände wussten nicht,
wohin mit sich.
Der Körper suchte
nach dem Rhythmus,
der nicht mehr da war.
Die Gedanken
kreisten um Geräusche,
die verstummt waren.
Die Leere
ist kein Loch.
Sie ist ein Echo.
Ein Echo
von Jahren,
die mehr waren
als Arbeit.
Ein Echo
von Menschen,
die mehr waren
als Kollegen.
Ein Echo
von einer Zeit,
die nicht zurückkehrt.
DIE STADT OHNE HÜTTE
Als die Hütte verstummte,
veränderte sich die Stadt.
Nicht sofort.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.
Die Straßen waren dieselben,
doch sie klangen anders.
Die Menschen waren dieselben,
doch sie gingen anders.
Die Tage waren dieselben,
doch sie fühlten sich leerer an.
Die Glasstadt
war keine Glasstadt mehr.
Sie war eine Stadt
mit einer Erinnerung.
Und Erinnerungen
sind leise.
DIE MÄNNER IM NEUEN LEBEN
Wir Männer
gingen in verschiedene Richtungen.
Manche fanden neue Arbeit.
Manche fanden keine.
Manche fanden Ruhe.
Manche fanden Unruhe.
Manche fanden sich selbst.
Manche verloren sich.
Die Hütte hatte uns geprägt.
Sie hatte uns getragen.
Sie hatte uns definiert.
Ohne sie
mussten wir uns neu erfinden.
Das ist schwer,
wenn man ein Leben lang
in der Hitze gestanden hat.
DIE ERINNERUNG AN DIE HITZE
Es gibt Dinge,
die man nie vergisst.
Die Hitze.
Den Klang des Ofens.
Den Geruch von Glas.
Die Stimmen der Männer.
Die Stille zwischen den Schichten.
Das Gewicht der Verantwortung.
Die Würde der Arbeit.
Diese Erinnerungen
sind keine Nostalgie.
Sie sind Teil von uns.
Teil unserer Hände.
Teil unserer Haltung.
Teil unserer Geschichte.
Man kann die Hütte schließen.
Aber man kann sie nicht
aus den Menschen nehmen.
DIE VERLORENE STADT
Schwäbisch Gmünd
verlor mit der Hütte
mehr als Arbeitsplätze.
Es verlor ein Stück Identität.
Ein Stück Stolz.
Ein Stück Seele.
Die Glasstadt
war nicht nur Industrie.
Sie war Kultur.
Gemeinschaft.
Geschichte.
Als sie verschwand,
blieb eine Lücke,
die niemand füllte.
Nicht aus Gleichgültigkeit –
aus Unwissen.
Die Jüngeren wussten nicht,
was die Hütte gewesen war.
Die Älteren schwiegen,
weil niemand mehr fragte.
So ging eine Stadt
durch ihre Tage,
als wäre nichts gewesen.
Doch unter der Oberfläche
glühte etwas weiter:
Erinnerung.
DIE RÜCKKEHR IN GEDANKEN
Jahre später
ging ich wieder dorthin.
Nicht in die Halle –
die gab es nicht mehr.
Nicht zu den Öfen –
sie waren abgebaut.
Nicht zu den Männern –
sie waren verstreut
in alle Richtungen des Lebens.
Ich ging an den Ort,
an dem die Hütte gestanden hatte.
Es war still.
Zu still.
Kein Klirren.
Kein Rufen.
Kein Atmen des Feuers.
Nur Wind.
Nur Gras.
Nur Zeit.
Und doch:
Ich hörte sie.
Die Schritte.
Die Stimmen.
Die Hitze.
Die Arbeit.
Die Würde.
Man kann Orte abreißen.
Aber man kann nicht auslöschen,
was sie in Menschen hinterlassen haben.
Ich stand dort
und wusste:
Die Hütte war weg.
Aber sie war nicht verschwunden.
WAS BLEIBT
Was bleibt,
wenn ein Lebensteil endet?
Nicht die Gebäude.
Nicht die Maschinen.
Nicht die Produkte.
Es bleiben die Menschen.
Die Haltung.
Die Erinnerung.
Die Würde.
Es bleibt das Wissen,
dass Arbeit mehr ist
als ein Lohnzettel.
Dass Gemeinschaft mehr ist
als ein Wort.
Dass Hitze mehr ist
als Temperatur.
Es bleibt das Gefühl,
Teil von etwas gewesen zu sein,
das größer war
als man selbst.
Und es bleibt die Aufgabe,
diese Geschichte zu erzählen,
damit sie nicht verloren geht.
Denn eine Stadt,
die ihre Vergangenheit vergisst,
verliert ihre Zukunft.
Dieses Buch
ist ein Versuch,
das zu verhindern.
EPILOG – DIE GLUT UNTER DER ASCHE
Die Glasstadt ist verschwunden.
Die Hütte ist Geschichte.
Die Öfen sind kalt.
Aber die Glut
ist noch da.
In den Erinnerungen
derer, die dort arbeiteten.
In den Geschichten,
die sie erzählten.
In den Händen,
die die Hitze kannten.
In den Herzen,
die den Stolz spürten.
Diese Glut
ist kein Feuer mehr.
Sie brennt nicht.
Sie fordert nicht.
Sie zerstört nicht.
Sie wärmt.
Sie erinnert.
Sie trägt.
Und sie wartet darauf,
weitergegeben zu werden.
DANKSAGUNG
Diese Reportage
ist nicht nur meine Geschichte.
Es ist die Geschichte
einer Stadt,
einer Zeit,
einer Gemeinschaft.
Ich danke den Männern,
die mich geprägt haben.
Den Frauen,
die die Stadt trugen.
Den Familien,
die die Lasten teilten.
Den Kindern,
die vor den Toren spielten.
Den Menschen,
die die Glasstadt lebendig machten.
Ich danke allen,
die erinnern.
Allen,
die fragen.
Allen,
die zuhören.
Und ich danke denen,
die verstehen,
dass Geschichte
nicht in Archiven lebt,
sondern in Menschen.
Dieses Buch
ist für sie.

Für euch.
Für uns.
Damit die Glut
nicht erlischt.
Alfred Brandner