Wenn der Frühling kommt: Warum das Freibad für mich mehr ist als Freizeit

Sobald die ersten warmen Tage auftauchen, beginnt bei mir ein Reflex, den man medizinisch vermutlich als „Saisonstart‑Zucken“ bezeichnen könnte. Andere holen den Grill raus – ich suche meine Badehose. Und zwar die, die noch passt.

Für viele ist ein Freibad einfach ein Ort zum Abkühlen. Für mich ist es ein Ort, an dem man sieht, wie die Region wirklich tickt. Im Wasser sind wir alle gleich – außer die, die Brustschwimmen mit einem Kampfsport verwechseln.

Seit über fünf Jahrzehnten tuckere ich mit meinem „Moped“ ins Bud‑Spencer‑Bad am Schießtalsee. Ein Ort, an dem man alles findet: Kinder, die Arschbomben üben, Erwachsene, die so tun, als würden sie trainieren, und Senioren, die im Whirlpool politische Grundsatzdebatten führen. Kurz: das wahre Leben.

Und das Schöne ist: Dieser Sommer‑Zirkus endet nicht an der Stadtgrenze. Rund um Gmünd gibt es Freibäder, die so charmant sind, dass man sich fragt, warum man überhaupt jemals verreist ist. Waldstetten, Bettringen – und drüben im Filstal Göppingen, Geislingen, Weißenstein und all die kleinen Bäder, die aussehen, als hätte jemand „Sommer“ in Beton gegossen.

Was mich jedes Jahr begeistert, ist diese Mischung aus Natur, Bewegung und sozialer Feldforschung. Die große Wiese, der Strömungskanal, die Beckenlandschaften – und natürlich der Whirlpool, der zuverlässig zum „Philosophischen Quartett“ wird. Man kommt ins Gespräch, ohne es zu wollen. Manchmal sogar ohne zu wissen, mit wem.

Als Rettungsfachkraft und Sportler weiß ich, wie wichtig Bewegung ist. Kein Wohnzimmer ersetzt ein Schwimmbad. Kein privater Raum bringt Kindern das Schwimmen bei. Und kein Fitnessgerät bietet die gelenkschonende Bewegung, die ältere Menschen brauchen. Und ganz ehrlich: Auf dem Crosstrainer hat mich noch nie jemand gefragt, ob ich „auch schon so schrumpelige Finger“ habe.

Trotzdem geraten diese Orte unter Druck: Bäder schließen, Öffnungszeiten werden gekürzt, Eintrittspreise steigen. Das betrifft nicht nur Gmünd, sondern die ganze Region – vom Remstal bis zur Albkante. Unsere Schwimmfähigkeit nimmt ab – und gleichzeitig sparen wir an den Orten, die sie erhalten könnten. Das ist ungefähr so sinnvoll, wie ein Loch im Boot mit einem Teebeutel zu stopfen.

Zu meinem Freibadtag gehört auch ein kleines Ritual: Nach dem Schwimmen setze ich mich auf die Sonnenseite meiner Stammkneipe – für eine Schorle oder einen Espresso. Ein Moment Ruhe, ein bisschen Gespräch, ein bisschen Sommer im Glas. Und meistens denke ich: „Warum kann nicht jeder Tag so anfangen?“

Jetzt, wo der Frühling näher rückt, möchte ich daran erinnern, warum diese Orte so wichtig sind: Freibäder sind Räume für Bewegung, Gesundheit und soziale Nähe. Sie bringen Menschen zusammen – ohne Handy, ohne Ablenkung, einfach im echten Leben. Und sie gehören zu unserer Region wie die Hügel, Täler und Menschen, die sie prägen.

Alfred Brandner

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://filstalexpress.de/filstalexpress/204734/wenn-der-fruehling-kommt-warum-das-freibad-fuer-mich-mehr-ist-als-freizeit/

Schreibe einen Kommentar