Ein Sofa. Beige, weich, vielleicht ein wenig aus der Zeit gefallen. Darauf sitzt ein Mann, der sein Leben lang nie wirklich stillgestanden hat. Alfred Brandner beugt sich über interessante Ausdrucke alter SDR-Filme. Das SWR-Fernsehteam ist da, Kameras surren leise. Auf den Bildern: Gesichter von früher. Seine Meister und Kollegen.
„Da haben Sie mir aber schöne Erinnerungen mitgebracht“, sagt er in Richtung Regie.
Und für einen Moment sieht es so aus, als würde die Glut von damals wieder aufleuchten.
Eine Stadt im Rhythmus der Öfen
Schwäbisch Gmünd – heute bekannt für Gold und Silber, für Schmuck und Geschichte. Doch es gab eine Zeit, da schlug das Herz der Stadt im Rhythmus der Glasöfen. Nach dem Krieg fanden hier Heimatvertriebene aus Gablonz nicht nur Arbeit, sondern Würde, Gemeinschaft und eine neue Zukunft. Die Glasmacherei war mehr als ein Gewerbe – sie war Identität.
Heute erinnert kaum noch etwas daran. Kein Schild. Kein Denkmal. Kein lodernder Ofen. Nur Erinnerungen – und Menschen wie Alfred Brandner, die sie bewahren.
Ein Beruf, der mehr war als Arbeit
In den sechziger Jahren lernte er das Handwerk. Nicht aus romantischer Leidenschaft. Das Leben schob ihn dorthin. Doch die Glashütte formte ihn – im wahrsten Sinne des Wortes.
Einträger. Formenhalter. Kaier. Kölbelmacher. Einbläser.
Harte Arbeit. Teamarbeit. Akkordarbeit.
„Wenn einer nicht funktionierte, verdienten alle kein Geld“, sagt er. Es war eine Schule fürs Leben – Disziplin, Verlässlichkeit, Zusammenhalt.
Und dann erzählt er von diesen Nächten: Als Jugendlicher kam er von der Disco, traute sich nicht nach Hause – und klopfte stattdessen an die Tür der Glashütte. Der Nachtheizer ließ ihn hinein. Um fünf Uhr begann die Schicht.
„Das war eine verrückte Zeit.“
Man glaubt ihm sofort.
Als die Öfen erloschen
Wo einst Glas entstand, stehen heute Baumärkte und Kindergärten. Die Formen sind verrottet, die Lieder verstummt. Ein Handwerk verschwand – fast lautlos.
Doch Alfred ließ es nicht zu, dass auch die Erinnerung verschwindet.
Er recherchierte. Schrieb. Sammelte Dokumente. Sprach mit Zeitzeugen. Kontaktierte Museen. Durchforstete Archive. Hartnäckig, leidenschaftlich, unbeirrbar. Er machte sichtbar, was längst im Dunkeln lag.
Der Südwestrundfunk berichtete 2024 ausführlich über die „vergessene Glasstadt Schwäbisch Gmünd“ – mit historischem Tiefgang und großer Wertschätzung. Die vergessene Glasstadt Schwäbisch Gmünd – SWR Aktuell
Der Einhorn-Verlag veröffentlichte seinen Beitrag „Der Glasmacher“ im Jahrbuch 2023. Neu: einhorn Jahrbuch 2023 Schwäbisch Gmünd
Auch das Online-Portal Filstalexpress griff die Geschichte mehrfach auf – zuletzt sogar im Zusammenhang mit der Fernsehproduktion. Filstalexpress » Der Glasmacher – nun auch Teil einer Fernsehproduktion
Nur die lokalen Zeitungen blieben still.
Kein Anruf. Keine Nachfrage. Nicht einmal nach der SWR-Reportage, die ein Stück Stadtgeschichte neu beleuchtet hat.
Ein Schweigen, das immer noch schmerzt. Nicht aus Eitelkeit – sondern weil es zeigt, wie leicht eine Stadt ihre eigene Vergangenheit verlieren kann.
Im Prediger lebt die Glut wieder auf
Und doch: Es gibt Orte, an denen das Feuer weiterbrennt.
Im Museum im Prediger wurde eine neue Abteilung eröffnet: „Glas & Schmuck“. Vasen, Stangenglas, filigrane Trinkgläser, Modeschmuck – alles „Made in Schwäbisch Gmünd“. Museumsleiter Max Tillmann spricht von einem „Vakuum“, das man füllen wolle. Ein Vakuum, entstanden durch Jahrzehnte des Vergessens.
Eine 97-jährige Besucherin, Tochter eines bekannten Gablonzer Schmuckmachers, sagt leise:
„Das finde ich wunderschön, dass die Erinnerung daran erhalten bleibt.“
Und Alfred?
Er steht vor den Vitrinen. Sieht die Stücke seiner Jugend. Seine Zeit. Sein Leben.
„Das ist eine wirkliche Bereicherung.“
Der Mann, der das Feuer bewahrt
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte.
Nicht die verschwundenen Glashütten.
Nicht die schweigenden Zeitungen.
Nicht einmal die Fernsehkameras.
Sondern ein Mann, der nicht zulässt, dass die Glut erlischt.
Ein Glasmacher, der längst keiner mehr sein müsste.
Ein Seemann. Kampfsportler. Rettungsfachmann. Dozent.
Ein Mensch mit vielen Kapiteln – und doch kehrt er immer wieder zum Feuer zurück.
Weil manche Geschichten nicht sterben dürfen.
Weil Erinnerungen nur weiterleben, wenn jemand sie erzählt.
Und weil jede Stadt jemanden braucht, der sagt:
„Das hier gehört zu uns.“
Alfred Brandner