Die Realität im Rettungsdienst: Gewalt, Verletzlichkeit und die Frage, wie viel Schutz Helfer verdienen

Ein Mann mit Jahrzehnten Kampfsport, Gewaltprävention und Notfallrettungserfahrung zeigt, warum Deutschlands Helfer lernen müssen, sich selbst zu schützen.

Der Raum wirkt wie ein Ort, an dem nichts Dramatisches geschieht. Graue Matten liegen auf dem Boden, sauber ausgelegt wie Felder in einer geometrischen Landschaft. Neonlicht zeichnet harte Linien auf die Wände, ein Flipchart steht bereit, als würde gleich ein Vortrag über Kommunikation beginnen. Es riecht nach Kunststoff, nach konzentrierter Stille, nach etwas, das sich nicht sofort benennen lässt.

Doch wer hier trainiert, übt nicht für Prüfungen oder Präsentationen. Hier lernen Rettungskräfte, wie sie sich aus einem Würgegriff befreien. Wie sie Distanz schaffen. Wie sie ihren Körper schützen, wenn ein Einsatz kippt.

Der Mann, der sie anleitet, heißt Alfred Brandner. Sein Lebensweg ist ein ungewöhnlicher: Über drei Jahrzehnte Notfallrettung – und ebenso viele Jahre Kampfsport, Selbstschutz, Gewaltprävention. Taekwondo, Goshin Jitsu, Einsatztraining, unzählige Stunden auf Matten, in Hallen, in Einsatzfahrzeugen. Brandner hat nicht nur Menschen gerettet, sondern auch Bewegungen studiert: Wie ein Körper reagiert, wenn er bedroht wird. Wie Angst sich in Muskelspannung übersetzt. Wie ein kleiner Impuls genügt, um Raum zu schaffen.

Seine Erfahrung ist kein theoretisches Wissen. Sie ist in Knochen, Reflexen, Atemrhythmen gespeichert. In Nächten im Blaulicht, in Begegnungen mit Menschen am Rand ihrer Kräfte, in Situationen, die sich in Sekunden verändern konnten.

„Es beginnt fast nie mit der Faust“, sagt er. Seine Stimme ist ruhig, fast sanft. „Es beginnt mit einem Blick. Mit einem Ton. Mit einem Satz wie: ‚Beruhigen Sie sich.‘ Und dann verändert sich etwas.“

Momente, in denen die Welt enger wird

Brandner erzählt von einem Einsatz, der überall in Deutschland stattfinden könnte: Eine hilflose Person auf dem Gehweg. Ein kurzer Check, ein Gespräch, ein Versuch, Orientierung zu geben.

Doch dann verschiebt sich die Atmosphäre. Ein Muskel spannt sich. Ein Blick wird hart. Ein Wort trifft auf eine innere Wand. Und plötzlich liegen Hände am Hals eines Retters.

Es sind Sekunden, die sich dehnen. Momente, in denen die Welt enger wird, der Atem kürzer, die Wahrnehmung schärfer. Momente, die in Statistiken kaum sichtbar sind – aber im Körper bleiben.

Brandner kennt diese Sekunden. Er hat sie erlebt, bevor er sie lehrte. Und er hat gelernt, sie zu lesen wie andere den Himmel vor einem Gewitter.

Zahlen, die eine stille Entwicklung sichtbar machen

Offiziell werden jährlich über 4.000 Übergriffe registriert. Doch die Dunkelziffer ist hoch – zu hoch, um sie zu ignorieren.

Studien zeigen:

  • Jede dritte Einsatzkraft erlebt körperliche Gewalt.
  • Über 70 % berichten von regelmäßigen verbalen Attacken.
  • In manchen Regionen haben sich die Fälle innerhalb von fünf Jahren verdoppelt.

Zahlen, die nüchtern wirken – bis man begreift, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht, der helfen wollte und verletzt wurde.

Der Körper als Werkzeug – und als Ziel

Auf den Matten zeigt Brandner Bewegungen, die präzise und zugleich minimalistisch sind. Sie stammen aus Jahrzehnten Kampfsport – doch hier wirken sie anders: Entschleunigt. Reduziert. Auf das Wesentliche konzentriert.

Ein Schritt zurück. Ein Drehen des Handgelenks. Ein kurzer Impuls, der Raum schafft.

Es sind keine Techniken, die beeindrucken sollen. Es sind Techniken, die überleben helfen.

„Wir kämpfen nicht“, sagt er. „Wir retten uns.“

Die Übungen wirken unspektakulär – doch sie erzählen von einer Realität, in der der Körper der Retter nicht nur Werkzeug ist, sondern auch Ziel.

Ein System mit Lücken – und Menschen, die sie täglich spüren

Pfefferspray ist nicht erlaubt. Schutzwesten sind selten Standard. Durchsuchungen finden nicht statt.

„Wir wissen nie, was jemand dabeihat“, sagt Brandner. Ein Messer. Eine Flasche. Oder nur eine Wut, die sich irgendwo entlädt.

Es ist ein strukturelles Problem – eines, das sich nicht mit einzelnen Maßnahmen lösen lässt. Es betrifft Ausbildung, Ausrüstung, politische Prioritäten. Und es betrifft die Frage, wie eine Gesellschaft mit denen umgeht, die ihr helfen sollen.

Zwischen Verantwortung und Verletzlichkeit

Brandners Forderungen sind klar: Mehr Training. Mehr Schutz. Mehr Dokumentation. Mehr Bewusstsein.

Doch im Kern geht es um etwas anderes: Um die Anerkennung, dass Helfende verletzlich sind. Dass sie Grenzen haben. Dass sie nicht nur für andere Verantwortung tragen, sondern auch für sich selbst.

Brandner weiß, wie schwer es ist, diese Grenze zu ziehen. Er hat sie selbst oft überschritten – aus Pflichtgefühl, aus Routine, aus dem Wunsch, niemanden im Stich zu lassen. Vielleicht auch aus dem Glauben, dass man als Retter mehr aushalten müsse als andere.

Heute weiß er: Das stimmt nicht.

Ein Satz, der bleibt

Am Ende des Trainings sitzt die Gruppe im Kreis. Die Matten sind warm vom Üben, die Luft schwer. Brandner sagt:

„Wir retten Menschen. Aber wir haben das Recht, uns selbst zu schützen.“

Es ist ein Satz, der nachhallt – wie ein Echo aus einem Raum, der größer ist als dieser Seminarraum. Ein Satz über Sicherheit, über Vertrauen, über die Frage, wie wir miteinander leben wollen. Ein Satz, der zeigt, dass die unsichtbare Front nicht irgendwo verläuft – sondern mitten in unserer Gesellschaft.

Alfred Brandner

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