Vom Retter zum Zeugen: Alfred Brandner und die stille Chronik eines Systems, das sich selbst überfordert

Von außen wirkt das Café Mikro an diesem Vormittag wie jeder Ort der Altstadt. Drinnen riecht es nach Kaffee, Gespräche sind gedämpft, Fenster beschlagen. Doch Brandner tritt ein. Nicht laut, nicht heroisch – eher wie jemand, der gehört, aber nie ganz angekommen ist.

Brandner begibt sich an seinen  Stammplatz an der Theke. Er nickt den Gästen zu, bestellt Kaffee, blättert in der Tageszeitung, tauscht sich mit Bekannten aus. Ein Ritual, das unspektakulär wirkt, aber Lebensgeschichten birgt – fragmentierte Biografie, die sich nicht in einer einzigen Rolle erzählen lässt.

Ein Leben in Fragmenten – und doch einer Linie

Er stammt aus der Glashütte, dort formen Hitze, Rhythmus und Präzision den Charakter. Später zieht es ihn aufs Meer – Senegal, Kongo, Angola. Orte, die lehren, dass Sicherheit relativ ist und Entscheidungen in Sekunden fallen müssen.

Zurück in Deutschland wird er Rettungsfachkraft. Vier Jahrzehnte prägen ihn – und er prägt das System. Mit dem Rettungsdienst-Motorrad auf der A7 fährt er oft schneller, als Vernunft es erlaubt. Einsätze, die bleiben. Ein System, das sich selbst als stabil beschreiben mag, bröckelt längst.

Die stille Krise des Rettungswesens

Brandner spricht ungern von sich. Er spricht von Strukturen, Lücken, wachsender Gewalt gegen Einsatzkräfte, psychischen Belastungen, die niemand sehen will. „Wir schicken Menschen in Situationen, für die sie nicht ausgebildet sind – und wundern uns über die Folgen“, sagt er. Kein Vorwurf, eine Diagnose.

Sein blinkendes Notfallschild – eine Idee, um Einsatzorte bei Dunkelheit sichtbar zu machen – wurde gelobt, diskutiert, dann versandet. Zuständigkeiten, Bürokratie, Mutmangel. Ein Muster, das er kennt: Innovationen scheitern an Strukturen.

Der Kampfsportler, der nicht kämpft

Brandner trägt Taekwondo- und Goshin-Jitsu- Meister Graduierungen. Doch er wirkt nicht wie ein Kämpfer. Seine Seminare für Rettungskräfte und Kinder sind das Gegenteil von Martialischkeit: Selbstbehauptung, klare Entscheidungen, Fluchtwege – kein Heldentum.

„Die meisten Eskalationen entstehen aus Angst, nicht aus Bosheit“, sagt er. Ein Satz, der viel über seine Haltung verrät.

Der Autor, der Schattenseiten benennt

In seinen Texten – zuletzt in Kaltes Blut – beschreibt Brandner die psychischen Folgen eines Berufs, der romantisiert wird. Einsätze, die nachhallen. Kolleginnen und Kollegen, die still zerbrechen. Ein System, das zu wenig Raum für Verarbeitung lässt.

Er schreibt nicht, um anzuklagen. Er schreibt, weil Schweigen gefährlicher wäre.

Zwischen Ostalb und Ozean – ein Mann, der nicht stillsteht

Brandner im Bud-Spencer-Bad: Dort sitzt er am Beckenrand, beobachtet die Menschen, wirkt für einen Moment angekommen. Vielleicht, weil dort nichts von ihm verlangt. Vielleicht, weil er einfach Alfred sein kann.

Und dann seine BMW R1150R – mehr als ein Fahrzeug. Ein Stück Biografie, ein Symbol für Bewegung, die Weiterfahrt auch durch Schwere.

Der unbequeme Chronist

Brandner stellt unbequeme Fragen: Warum werden Rettungskräfte häufiger angegriffen? Warum scheitern Innovationen an Strukturen? Warum fehlt Prävention in Schulen? Warum müssen Ehrenamtliche Aufgaben übernehmen, die professionelle Unterstützung brauchen?

Er fragt, um zu verstehen, was passiert, wenn man nicht fragt.

Das Fazit

Alfred Brandner ist der härteste Hund von Schwäbisch Gmünd – mit einem Herz so groß wie die Ostalb.

 

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