ICH BIN DER, DER BLIEB, WENN ES BRANNTE — UND DER KAM, WENN ALLE ANDEREN FLOHEN

Das Leben eines Mannes, der durch Feuer ging, in Stürmen stand und im Blaulicht die Wahrheit sah

Das Schweigen, das mich groß machte:

Ich erinnere mich an keinen warmen Anfang. Kein Willkommen. Kein „Gut, dass du da bist“.

Nur Kälte. Nur Regeln. Nur Schweigen.

„Manche kommen mit Applaus auf die Welt – Alfred kam mit Schweigen.“

Ich war ein Kind, das niemand erwartete. Ein Junge, der früh begriff: Wenn dich niemand hält, musst du selbst stehen. Wenn dich niemand schützt, musst du selbst kämpfen.

Ich habe nie aufgehört.

 FEUER: Die Glashütte, die mich brannte und baute

Ich war sechzehn, als ich zum ersten Mal vor dem Ofen stand. 1200 Grad. Ein Atemzug, der nach Sand, Schweiß und verbranntem Holz schmeckte.

Die Männer sangen, um nicht zu zerbrechen: „Ein Glasmacherleben, das heißt ja früh aufstehen…“

Ich rannte mit glühenden Rohlingen zum Kühlband. Ich verbrannte mir die Finger. Ich lernte, dass Müdigkeit gefährlich ist. Dass ein Fehler ein ganzes Werkstück zerstört. Dass ein Moment Unaufmerksamkeit dich zum Gespött macht.

Ich sah Männer, die sich kaputttranken. Männer, die nie über Schmerzen sprachen. Männer, die starben, ohne je gehört worden zu sein.

Die Glashütte war mein erstes Schlachtfeld. Und mein erstes System, das ich durchschaute: Es funktionierte — aber es schützte niemanden.

STURM: Die See, die mich prüfte

Ich ging zur See, weil ich weg musste. Weg von der Enge. Weg vom Schweigen. Weg von mir selbst.

Auf der MS Neptun lernte ich, wie klein ein Mensch ist, wenn der Sturm die Planken beben lässt. Ich lernte, wie groß ein Team sein muss, wenn die Nacht schwarz ist. Ich lernte, dass Freiheit nicht romantisch ist, sondern hart.

Ich sah Armut, die mich verstummen ließ. Ich sah Schönheit, die mich atemlos machte. Ich sah Gewalt, die niemand dokumentierte.

Und ich begriff: Ich würde zurückkehren — aber nicht als derselbe.

BLAULICHT: Der Rettungsdienst, der mich verschlang und formte

1980 zog ich die Dienstkleidung des Malteser Hilfsdienstes an. Ich dachte, ich würde helfen. Ich wusste nicht, dass ich kämpfen würde.

„Was als ehrenamtlicher Dienst begann, entwickelte sich zu einer lebenslangen Mission.“

Ich sah Menschen sterben. Ich sah Menschen überleben, die niemand mehr auf dem Zettel hatte. Ich sah Kollegen zusammenbrechen — nicht körperlich, sondern seelisch.

Ich hielt Hände, die kalt wurden. Ich sprach Worte, die niemand hören will. Ich traf Entscheidungen, die Sekunden später über Leben und Tod entschieden.

Und ich sah ein System, das oft zu spät kam. Ein System, das sich selbst im Weg stand. Ein System, das Helfer im Stich ließ.

Ich lernte, dass Blaulicht nicht nur rettet. Es blendet auch.

MUTLANGER HEIDE: Der Tag, an dem die Zuständigen schwiegen

Die Mutlanger Heide war kein Einsatz. Sie war ein Versagen. Nicht unseres — der Verantwortlichen.

40.000 Menschen demonstrierten gegen die Pershing-II-Raketen. Die Öffentlichen verweigerten die medizinische Absicherung vor Ort. Bis heute sagt niemand offiziell, warum.

Wir handelten. Drei Männer. Ein alter DKW Munga. Improvisierte Ausrüstung. Kein Funk. Kein Backup.

„Wir standen am ehemaligen Pershing-Depot, bereit, Leben zu schützen, wo andere wegsahen.“

Es gab Verletzte. Es gab Chaos. Es gab politische Spannungen, die man spürte wie Strom in der Luft.

Und es gab etwas, das bis heute kaum jemand weiß: Wir waren allein. Komplett allein. Und wir hätten sterben können, ohne dass es jemand dokumentiert hätte.

Die Mutlanger Heide war mein zweites System, das ich durchschaute: Es funktionierte — aber nur für die, die oben standen.

DIE AUTOBAHN: Der Retter auf zwei Rädern

Ich war Teil einer Motorradstaffel auf der A7. Ein Mann, ein Motorrad, ein Funkgerät, zwei Notfallkoffer — und der Wille, schneller zu sein als der Stau.

Ich war oft der Erste am Unfallort. Ich sah, wie Menschen starben, weil Rettungsgassen fehlten. Ich sah, wie Minuten zu Feinden wurden.

„In der Notfallmedizin bedeutet Zeit nicht Geld – sondern Leben.“

Ich dokumentierte alles. Ich schrieb Berichte, die niemand lesen wollte. Ich zeigte Missstände, die niemand sehen wollte.

Ich war schnell. Aber das System war langsam.

GEWALT: Die Einsätze, über die niemand spricht

Seit 2006 lehre ich Selbstschutz. Nicht, weil es modern ist. Sondern weil ich weiß, wie schnell ein Einsatz kippen kann.

Ich habe erlebt, wie Helfer bedroht wurden. Was Einsätze in Amoklagen fordern. Wie Messer und Schusswaffen gezogen wurden. Wie psychische Ausnahmesituationen eskalierten. Wie Rettungskräfte zu Opfern wurden.

„Eigensicherung hat absolute Priorität – gehen Sie aufmerksam in Einsatzstellen.“

Ich sage das, weil ich es musste. Weil ich es erlebt habe. Weil ich weiß, dass niemand darüber spricht.

Die Gewalt gegen Helfer ist mein drittes System, das ich durchschaute: Es funktioniert — aber nur, solange niemand hinsieht.

KINDER: Die, die am meisten brauchen

Seit fast drei Jahrzehnten leite ich Selbstschutzprogramme für Kinder. Ein Ehrenamt, das ich nie aufgegeben habe.

„Es ist beeindruckend, dass mich nahezu täglich Anfragen erreichen.“

Ich sehe Kinder, die Angst haben. Kinder, die sich schämen. Kinder, die sich nicht trauen, laut zu sein.

Ich gebe ihnen etwas, das ich selbst nie hatte: Sicherheit. Mut. Selbstvertrauen.

Der Mann, der weiterging

Ich bin Glasmacher. Ich bin Seefahrer. Ich bin Retter. Ich bin Kampfsportler. Ich bin Dozent. Ich bin jemand, der nie stehen blieb.

Ich bin der Junge, der mit Schweigen geboren wurde. Und der Mann, der gelernt hat, laut zu leben.

„Nicht die Umstände formen uns. Es ist die Entscheidung, weiterzugehen.“

Ich ging weiter. Und ich gehe noch.

 

Alfred Brandner

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