Wenn ich heute zurückblicke, dann sehe ich das Margaritenhospital nicht als Gebäude. Ich sehe die Menschen. Die Schwestern. Die Kinder. Die Nächte. Und ich sehe mich selbst – noch jung im Dienst, ehrgeizig, wach, immer bereit.
Das Margaritenhospital war für uns im Rettungsdienst mehr als eine Klinik. Es war ein Fixpunkt, ein Ort, an dem wir wussten: Wenn wir ein Kind bringen, wird alles getan, was möglich ist. Und wenn wir etwas lernen wollen, dann dort.
Die Neugeborenen-Intensivstation war für mich ein Wendepunkt. Ich erinnere mich an die ersten Frühchen, die ich sah – so klein, dass man kaum glauben konnte, dass sie bleiben wollen. Ich erinnere mich an die Schwestern, die mit einer Ruhe arbeiteten, die ich im Einsatz oft vermisste, aber im Herzen immer mitnahm.
Diese Fortbildungs – Wochen im Margaritenhospital haben mich geprägt. Sie haben mir die Angst vor dem Kindernotfall genommen. Sie haben mir beigebracht, dass man nicht nur schnell sein muss, sondern richtig.
Rettungsdienstalltag – wie er wirklich war
Viele reden über den Rettungsdienst. Wenige wissen, wie er sich anfühlt.
Der Alltag bestand nicht aus Heldentum. Er bestand aus:
- dem Summen des Funkgerätes
- dem Geruch von Desinfektionsmittel und kaltem Diesel
- dem Blick zur Uhr, der nie entspannt war
- dem Wissen, dass der nächste Einsatz alles verändern kann
Wir hatten keine Smartphones, keine Navigationsgeräte, keine Simulationstrainings, keine psychologische Nachbetreuung. Wir hatten Erfahrung, Instinkt und Kameradschaft. Und wir hatten Verantwortung – eine, die man nicht ablegen konnte wie eine Jacke.
Die Legende vom Rettungsdienst und der US‑Army
Schwäbisch Gmünd war Garnisonsstadt. Wir begegneten den Amerikanern ständig – auf der Straße, im Einsatz, im Krankenhaus.
Es gab eine unausgesprochene Verbindung zwischen uns. Sie wussten, dass wir kommen, wenn es ernst wird. Wir wussten, dass sie uns respektierten.
Man erzählte sich in den Kasernen, dass die Soldaten nachts salutierten, wenn ein deutscher Rettungswagen über die Manöverflächen raste. Nicht aus Pflicht. Aus Anerkennung.
Ob das stimmt? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass wir oft genug ihre Kinder, ihre Frauen, ihre Kameraden versorgt haben. Und ich weiß, dass sie uns vertrauten.
1986 – Die Nacht, die ich nie vergessen werde
Es war eine typische Nachtschicht. Die Art von Nacht, in der man zwischen Schlaf und Alarm schwebt. Die Art von Nacht, in der man die Kaffeemaschine öfter hört als die Sirene.
Drei Uhr morgens. Die Stunde, in der selbst die Leitstelle leiser spricht.
Es klingelte an der Tür. Ich ging die Treppe hinunter – und dann stand er da.
Ein Soldat. Schwer bewaffnet. Tarnschminke im Gesicht. Atemlos. Ein Bild, das man nicht vergisst.
Er rannte die Treppe hinauf, als würde er in einen Einsatz laufen, der nur für ihn bestimmt war.
Mein erster Gedanke war klar und kalt: „Gefahr. Rache. Irgendwas ist schiefgelaufen.“
Ich wollte die anderen wecken, die Dachklappe, den Fluchtweg – alles lief in Sekunden durch meinen Kopf.
Dann hörte ich die Stimme: „Stop! Stop! Stop!“
Der Soldat blieb stehen. Legte die Waffen ab. Hob die Hände.
Und unten stand ein US‑Offizier, völlig außer Atem, völlig aufgelöst.
Er war im Manövergebiet Lindenfeld/Hornberg gewesen, als die Nachricht kam: Seine Frau hat Wehen. Er muss sofort ins Margaritenhospital. Er findet den Weg nicht. Und er hat Angst – nicht vor Feinden, sondern davor, dass sein Kind nun im Army Jeep geboren wird.
In diesem Moment war er kein Soldat mehr. Er war ein Vater.
Wir halfen ihm. Natürlich halfen wir ihm. Denn das ist Rettungsdienst: Man hilft, auch wenn man selbst erschrickt. Man bleibt ruhig, auch wenn das Herz rast. Man tut, was getan werden muss.
Was bleibt
Man sagt, in jener Nacht sei ein Kind geboren worden, das besonders ruhig war. Als hätte es gewusst, welchen Weg sein Vater durch die Dunkelheit genommen hatte.
Ob das stimmt? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Aber ich weiß, dass das Margaritenhospital, die Schwestern, die US‑Army, und wir im Rettungsdienst in dieser Nacht eine gemeinsame Geschichte geschrieben haben.
Und ich weiß, dass manche Nächte bleiben – ein Leben lang.
Alfred Brandner