Ehrenamt in der Flüchtlingsarbeit: Zwischen Lob und Missachtung

Um es gleich vorwegzunehmen, es geht hier nicht um das Ansehen der Ehrenamtlichen in der Öffentlichkeit, darüber habe ich vor zwei Wochen schon geschrieben, hier geht es um das Verhältnis zu den hauptamtlichen Mitarbeitern von Kreisverwaltung, Jobcenter und Stadt- bzw. Gemeindeverwaltungen.

IMG_20151230_122917Ehrenamtliche waren schon da, als die Verwaltungen die Zuwanderung von Flüchtlingen noch gar nicht als ihre Aufgabe erkannt hatten. Die Flüchtlinge in der Pappelallee waren Verwaltungsakte, um die menschlichen Bedürfnisse kümmerten sich die Ehrenamtlichen um Monika Maichle. So weit, so gut.

Dann wurden die Flüchtlinge mehr, wurden auf Gemeinden verteilt, die eigentlich gar keine haben wollten. Für viele Stadt- und Gemeindeverwaltungen waren die Flüchtlinge auch hier wiederum nur Verwaltungsakte. Ein Bürgermeister in einer Flüchtlingsunterkunft, wenn überhaupt, dann meistens nur für das Pressebild. Wiederum waren es die Ehrenamtlichen, die sich in Arbeitskreis in den Kommunen zusammenfanden und den Flüchtlingen bei ihren grundlegenden Bedürfnissen halfen. Vom Einrichten in eigentlich zum Abriss bestimmten Häusern, über die Vermittlung von Ärzten, über die Einrichtung von Kleiderkammern bis zum Deutschunterricht.

Nur langsam nahmen sich auch karitative Organisationen dieser Probleme an. Die Wichtigkeit der ehrenamtlichen Arbeit wurde erkannt und in den Sonntagsreden der Verwaltungsspitzen und Politiker gebührend gewürdigt. Aber Würdigung heißt nicht Anerkennung als Partner in der Flüchtlingsarbeit. Als Partner oder Ansprechpersonen wurden die Ehrenamtlichen nicht gesehen sondern immer mehr nur als billige Hilfskräfte, denen man mehr und mehr Arbeit aufbürden konnte.

IMG_20151230_123006Anregungen der Ehrenamtlichen oder gar Forderungen wurden nicht zur Kenntnis genommen, nicht diskutiert. Stattdessen hat es sich die Verwaltung auf Kreis- und Kommunaler Ebene nun zur Aufgabe gemacht, die Ehrenamtlichen zu „koordinieren“ was nichts anderes heißt, als sie in ihrer Arbeit noch mehr zu gängeln und an die kurze Leine zu nehmen. Das Ehrenamt soll sich nicht verselbstständigen, soll nicht mit eigenen Ideen oder Forderungen an die Öffentlichkeit gehen. Zu allem Überfluss suchen Kreis und Kommunen nach Koordinatoren mit einem abgeschlossenen Studium im Sozialen oder in der Verwaltung. Ganz so, als ob sich die Ehrenamtlichen nicht bisher schon gut strukturiert und vernetzt haben. Nein, hier geht es nicht um eine Unterstützung des Ehrenamtes sondern um eine Gängelung.

Statt neue studierte und damit teure Leute einzustellen sollte man das Ehrenamt einfach nur eine Aufwandsentschädigung zugestehen. Denn sie opfern nicht nur ihre Freizeit (oft neben einen Vollzeitberuf) sondern müssen auch eine Menge Geld aufbringen für Autofahrten, Telefon usw.

Vor diesem Hintergrund verlieren mehr und mehr Ehrenamtliche die Lust am Helfen, nicht weil es ihnen zu viel wird, nicht weil sie für ihre Arbeit nicht gelobt werden (Lob und Dankbarkeit kommt von den Flüchtlingen mehr als genug), nein, sondern weil die Politik Geld für hauptamtliche Koordinatoren hat, aber keinen Cent für die Ehrenamtlichen, weil man Ehrenamtliche verwaltet statt mit ihnen zu diskutieren, weil man sie nicht erst nimmt und deren Forderungen, z. B. nach einem W-Lan-Anschluss für alle Unterkünften monatelang mit fadenscheinlichen Gründen blockiert. Erst als Lions-Club und Rotarier der Forderung Nachdruck verleiten, machte die Landkreisverwaltung eine Kehrtwendung. Ist deren Meinung mehr wert?

Auf Landkreisebene wird es jetzt eine Homepage mit Informationen für Ehrenamtliche geben. Daneben werden die Sprecher der Arbeitskreise wohl zwei-/dreimal im Jahr zu einer gemeinsamen Sitzung ins Landratsamt eingeladen. Weiterhin stehen die, geplant sind zwei Vollzeitkoordinatoren,den Ehrenamtlichen bei Fragen zur Verfügung. Was dies für die ehrenamtliche Arbeit bringen soll, konnte bisher niemand beantworten.

Wenn Kreis und Kommunen nicht bald umdenken und die Ehrenamtlichen ernst nehmen mit ihren Sorgen und Problemen, aber auch mit ihren Ideen und Forderungen, wird das Ehrenamt erodieren und die hauptamtlichen Betreuer stehen alleine da, zum Nachteil der Politik aber vor allem zum Nachteil der Flüchtlinge.

Wäre die Not der Flüchtlinge im Landkreis nicht so groß, es gäbe schon lange keine ehrenamtlichen Helfer mehr.

Fotos: Wohnung mit Schimmel aber ohne Möbel – hier hinein werden anerkannte syrische Flüchtlinge „abgeschoben“. Für die Renovierung haben sie selbst zu sorgen, die Möbel kommen oft erst viele Wochen später vom Jobcenter. Ganz selbstverständlich verlassen sich die hauptamtlichen Mitarbeiter von Landkreis und Jobcenter darauf, dass die Ehrenamtlichen hier helfen.

 

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