Sekundenschlaf im Cockpit: Europas Airlines müssen handeln

Europaweite Untersuchung mit 7.200 Pilotinnen und Piloten zeigt gravierende Defizite beim Ermüdungsmanagement – Sekundenschlaf im Cockpit weit verbreitet – Angst vor Konsequenzen verhindert Ermüdungsmeldungen

Die Vereinigung Cockpit (VC) zeigt sich angesichts der Ergebnisse einer neuen europaweiten Studie zur Pilotenermüdung zutiefst besorgt. Die von der Luftfahrtberatung Baines Simmons im Auftrag der European Cockpit Association (ECA) durchgeführte Untersuchung „A Fatigue Survey of European Pilots – 2026“ zeigt, dass Ermüdung im Cockpit weiterhin ein erhebliches Sicherheitsproblem darstellt. Besonders alarmierend: Trotz bereits 2023 festgestellter Missstände sind kaum Verbesserungen erkennbar.

„7.200 Pilotinnen und Piloten haben sich an dieser Studie beteiligt – das ist ein beeindruckendes Signal und verleiht den Ergebnissen enormes Gewicht. Die hohe Beteiligung zeigt, wie sehr das Thema Ermüdung unsere Kolleginnen und Kollegen beschäftigt und wie dringend der Handlungsbedarf ist“, erklärt Anja Granvogl, VC-Vorständin für Flight Safety.

Sekundenschlaf im Cockpit und Angst vor Konsequenzen

Die Ergebnisse zeichnen ein besorgniserregendes Bild: 76,8 Prozent der befragten Pilotinnen und Piloten berichten, innerhalb der vergangenen vier Wochen mindestens einmal während des Fluges einen Sekundenschlaf erlebt zu haben. 38,8 Prozent geben an, gewöhnlich oder immer nicht ausreichend Ruhezeit zu erhalten, um eine zunehmende Ermüdung zu verhindern.

Gleichzeitig offenbart die Studie erhebliche Schwächen in der Meldekultur. Nur 37,2 Prozent geben an, sich bei ermüdungsbedingter Fluguntauglichkeit auch tatsächlich fluguntauglich zu melden. 24,2 Prozent fliegen nach eigenen Angaben trotz Ermüdung weiter, ohne diese zu melden. In den Freitextantworten äußerten 38,2 Prozent der Piloten die Befürchtung, dass Ermüdungsmeldungen zu Bestrafungen oder Vergeltungsmaßnahmen durch das Management führen könnten.

„Diese Ergebnisse sind erschreckend und dürfen niemanden kaltlassen. Wenn mehr als drei Viertel der Befragten von Sekundenschlaf im Cockpit berichten und gleichzeitig viele Kolleginnen und Kollegen aus Angst vor negativen Konsequenzen ihre Ermüdung nicht melden, ist das ein alarmierendes Zeichen für erhebliche Defizite in der Sicherheitskultur“, warnt Granvogl. „Besonders besorgniserregend ist, dass sich gegenüber 2023 praktisch nichts verbessert hat. Wir wissen seit Jahren, wo die Probleme liegen. Jetzt muss endlich gehandelt werden.“

Druck bei Flugdienstzeitverlängerungen nimmt zu

Ein weiteres alarmierendes Ergebnis betrifft die sogenannte Commander’s Discretion. Diese ermöglicht es verantwortlichen Luftfahrzeugführern, Flugdienstzeiten unter außergewöhnlichen Umständen zu verlängern.

69,1 Prozent der Befragten äußern Bedenken hinsichtlich möglicher negativer Konsequenzen, wenn sie eine solche Verlängerung ablehnen. Im Jahr 2023 lag dieser Anteil noch bei 65,8 Prozent. Besonders ausgeprägt ist diese Sorge bei Low-Cost-Carriern sowie ACMI- und Wet-Lease-Betreibern.

„Die Entscheidung über eine Verlängerung der Flugdienstzeit muss sich ausschließlich an der Flugsicherheit und der tatsächlichen Belastbarkeit der Besatzung orientieren. Wenn Pilotinnen und Piloten befürchten müssen, für eine sicherheitsbewusste Entscheidung unter Druck gesetzt oder sanktioniert zu werden, läuft etwas grundlegend falsch“, betont Anja Granvogl. „Die Commander’s Discretion ist ein Instrument für außergewöhnliche Situationen und darf nicht dazu dienen, unrealistische Flugplanungen oder betriebliche Engpässe regelmäßig aufzufangen.“

Auch in Deutschland besteht Verbesserungsbedarf

Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen den europäischen Ländern und Betreibertypen. Während insbesondere Irland und Malta bei vielen untersuchten Kriterien schlecht abschneiden, weisen Finnland und die Niederlande vergleichsweise positive Ergebnisse auf. Auch Deutschland schneidet bei einzelnen Aspekten besser ab. Dennoch sieht die Vereinigung Cockpit keinen Anlass zur Entwarnung.

„Dass Deutschland in bestimmten Bereichen besser abschneidet als andere Länder, bedeutet nicht, dass bei uns alles in Ordnung ist. Auch hier müssen wir genau hinschauen, ob Ermüdungsmeldungen tatsächlich ohne Angst vor Nachteilen möglich sind und ob die bestehenden Schutzmechanismen im betrieblichen Alltag wirksam greifen“, erklärt Granvogl.

„Die positiven Beispiele aus anderen europäischen Ländern zeigen, dass eine funktionierende Meldekultur möglich ist. Daran müssen sich alle Fluggesellschaften messen lassen.“

Vereinigung Cockpit fordert konsequentes Handeln

Für die Vereinigung Cockpit machen die Ergebnisse deutlich, dass beim Ermüdungsmanagement dringender Handlungsbedarf besteht. Fluggesellschaften müssen ihrer Verantwortung für ein wirksames, präventives Ermüdungsrisikomanagement gerecht werden. Nationale Aufsichtsbehörden und die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) müssen die Einhaltung bestehender Schutzvorschriften konsequenter überwachen und regulatorische Lücken schließen.

Insbesondere muss sichergestellt werden, dass Pilotinnen und Piloten Ermüdung ohne Angst vor beruflichen Nachteilen melden und eine Verlängerung ihrer Flugdienstzeit ohne negative Konsequenzen ablehnen können.

„Flugsicherheit darf weder vom wirtschaftlichen Druck einer Fluggesellschaft noch vom Mut einzelner Pilotinnen und Piloten abhängen. Eine gelebte Sicherheitskultur bedeutet, dass sicherheitsrelevante Entscheidungen respektiert und Meldungen ernst genommen werden – ohne Druck, ohne Einschüchterung und ohne Sanktionen“, so die VC-Vorständin abschließend.

Hier geht es zu den Ergebnissen.

Die Vereinigung Cockpit ist der Berufsverband des Cockpitpersonals in Deutschland. Er vertritt die berufs- und tarifpolitischen Interessen von rund 9.600 Mitgliedern bei sämtlichen deutschen Airlines und sieht darüber hinaus seine Aufgabe in der Erhöhung der Flugsicherheit in Deutschland.

PM Vereinigung Cockpit e.V.

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