Ein Blick zurück: Die Schicht, die bleibt – Ein Rettungsassistent erinnert sich an eine Kollegin, die Licht in ein System voller Schatten brachte

Göppingen, früher Dienstmorgen. Die Stadt liegt noch still, als Alfred Brandner den Parkplatz des DRK ansteuert. Es ist dieser Moment vor dem Betreten der Wache, den jeder Rettungsdienstler kennt: ein Atemzug zwischen Normalität und Ausnahmezustand. Brandner erinnert sich an diese Jahre mit einer Klarheit, die nur Menschen besitzen, die gelernt haben, dass Erinnerungen manchmal das Einzige sind, was bleibt. „Der Job war spannend“, sagt er. „Aber das Klima – das war oft rauer als jeder Einsatz.“

Bevor die erste Tasse Kaffee griffbereit war, stand Brandner vor dem Dienstplan. Nicht aus Pflicht, sondern aus Selbstschutz. „Ich hab immer zuerst geschaut: Mit wem muss ich heute raus?“ Ein Satz, der mehr über ein Team erzählt als jede Statistik. Denn im Rettungsdienst gab es Spannungen, die sich nicht in Protokollen festhalten ließen. Kolleginnen, die einander mit einer Mischung aus Konkurrenz, verletzter Eitelkeit und leiser Missgunst begegneten. „Manchmal war’s wie ein Theaterstück, bei dem keiner wusste, wer die Hauptrolle spielt – aber alle unbedingt eine haben wollten.“

Zwischen all den Reibungen gab es eine Ausnahme. Die Tochter eines Arztes – gebildet, freundlich, charakterfest. Eine Kollegin, die nicht nur fachlich überzeugte, sondern eine Ruhe ausstrahlte, die im Rettungsdienst selten ist. „Wenn sie eingeteilt war, war die Schicht gerettet“, sagt Brandner. Nicht aus Romantik, sondern aus Menschlichkeit. Weil Respekt, Humor und Verlässlichkeit plötzlich selbstverständlich wurden.

Zwischen den beiden entwickelte sich ein kleines Ritual. Am RTW, kurz vor Schichtstart, beugte Brandner sich leicht zu ihrem Ohr und sagte – immer mit derselben Mischung aus Ironie und Zuneigung: „Ich hab geträumt von dir.“ Sie lachte jedes Mal. Ein echtes Lachen, das den Tag leichter machte, bevor der erste Einsatz begann. Aus der Distanz jedoch wirkte die Szene anders. Für andere Kolleginnen sah es aus, als würde Brandner ihr ein Küsschen auf die Wange geben. Ein hartnäckiges Missverständnis – und später eine der amüsantesten Episoden seiner Dienstzeit. „Als sie mir das erzählt haben, hab ich mich köstlich amüsiert“, sagt Brandner. „Und sie auch. Es war einfach unser Ding.“

Die Kollegin ist heute Ärztin. Brandner hat den Rettungsdienst hinter sich gelassen, aber nicht vergessen. Manchmal erscheint eine kurze Nachricht auf seinem Handy. Ein Gruß, ein Lebenszeichen, ein Stück Vergangenheit. „Das freut mich immer“, sagt er. „Es zeigt, dass manche Begegnungen bleiben – auch wenn der RTW längst weitergefahren ist.“

Brandners Geschichte ist mehr als eine Anekdote. Sie ist ein Blick in ein System, das unter Druck steht – und in dem Menschlichkeit kein Bonus ist, sondern ein Rettungsanker. Sie erzählt von Kollegialität, von kleinen Ritualen, von Missverständnissen, die zu Legenden werden. Sie zeigt, dass ein einziger Mensch reichen kann, um eine ganze Schicht zu retten. Und sie erinnert daran, dass die wichtigsten Momente im Rettungsdienst nicht immer die sind, die im Einsatzbericht stehen.

Alfred Brandner

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