„Ich kann nicht länger schweigend zusehen“ – Ein Kommentar über die neue Tugend des Wegschauens

Es gibt Sätze, die markieren eine Grenze. „Ich kann nicht länger schweigend zusehen“ ist einer davon. Er beschreibt den Moment, in dem Beobachtung zur Belastung wird – und Schweigen zur moralischen Bankrotterklärung. Genau an diesem Punkt steht unsere Gesellschaft heute. Die neue Tugend des Wegschauens ist kein Nebengeräusch mehr, sondern ein stiller Grundton, der sich durch unseren Alltag zieht.

Wer hinsieht, erkennt ein Muster: Menschen geraten in Not, und andere wenden sich ab. Nicht aus Furcht, nicht aus Überforderung, sondern aus einer bequemen Mischung aus Selbstentlastung und gedanklicher Distanz. Verantwortung wird zur Störung des eigenen Tagesablaufs. Hilfeleistung zum optionalen Extra, das man nur dann erbringt, wenn es nicht zu viel verlangt.

Nach Jahrzehnten im Einsatzdienst weiß ich, wie schnell ein Mensch stirbt, wenn niemand hilft. Heute sehe ich, wie schnell Menschen weitergehen, wenn jemand stirbt. Die Diskrepanz zwischen dem moralischen Selbstbild einer solidarischen Gesellschaft und der tatsächlichen Bereitschaft zu handeln könnte kaum größer sein. Wir sprechen über Zusammenhalt, aber leben nach dem Prinzip: „Solange es mich nicht betrifft, betrifft es mich nicht.“

Dabei ist Helfen nicht schwer. Es braucht keinen Mut, keinen Kampf, keine besondere Fähigkeit. Es braucht nur ein Telefon – und die Bereitschaft, die Nummern 110 oder 112 zu wählen.

Doch selbst diese minimale Handlung scheint vielen zu viel zu sein. Vielleicht, weil man glaubt, dass „die anderen“ schon helfen werden. Vielleicht, weil man sich einredet, dass es nicht so schlimm sei. Vielleicht, weil man sich daran gewöhnt hat, dass Verantwortung etwas ist, das man delegieren kann – an Profis, an Behörden, an irgendjemanden, der nicht man selbst ist.

Die Wahrheit ist unbequem – und sie ist eindeutig: Wir haben uns daran gewöhnt, dass andere leiden, solange wir selbst nicht gestört werden. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Wegschauen bequemer ist als Hinschauen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Zivilcourage ein Wort für Sonntagsreden ist – aber kein Werkzeug für den Alltag.

Eine Gesellschaft zeigt ihren Charakter nicht in Festreden, nicht in politischen Programmen, nicht in moralischen Selbstbeschreibungen. Sie zeigt ihn in dem Moment, in dem ein Mensch Hilfe braucht. Und genau in diesem Moment versagt sie immer häufiger.

Zivilcourage beginnt nicht mit Mut. Sie beginnt mit einem Telefonanruf. Und sie endet damit, dass ein Mensch überlebt.

Alfred Brandner

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