Handlungsempfehlungen der Expertenkommission der Bundesregierung – „Damit ist ein Verbot vom Tisch!“

Die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hat heute ihre Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Tomi Neckov, kommentiert:

„Wir begrüßen die Menge und Vielfalt der Empfehlungen. Es wird bewusst, an wie vielen Stellschrauben zu drehen ist, um Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt kompetent zu begleiten. Dies wird der Herausforderung deutlich gerechter als ein pauschales Verbot. So wird die Teilhabe gesichert, während gleichzeitig die für einen sicheren Umgang notwendigen Kompetenzen gewährleistet werden. Diese fokussieren richtigerweise nicht nur auf einen gesunden Umgang mit Medien, sondern beginnen schon mit der Fähigkeit zur Selbstregulation und dem Kennenlernen des Smartphones als nützlichen Alltagshelfer – und nicht als reine Bespaßungsmaschine. Dass die Anbieter ihr Übriges beizutragen haben, steht außer Frage. Hier muss die Politik wirkmächtige Maßnahmen ergreifen.“

Der VBE-Chef Neckov äußert sich zu einzelnen Empfehlungen:

Eltern zu sensibilisieren ist unbedingt notwendig. Gleichzeitig wissen wir um die vielen weiteren Belange, welche die Aufmerksamkeit der Eltern bedürfen. Informationen müssen daher möglichst knapp, niedrigschwellig und auf die möglichen Konsequenzen für die Kinder fokussiert sein. Ein Beschämen ist unbedingt zu vermeiden. Gesetzliche Vorgaben können auch zu Verunsicherung und gegenseitiger Herabwürdigung führen. Wir sehen im öffentlichen Raum nur Momentaufnahmen und sollten uns und unser Gegenüber vor vorschnellen Verurteilungen schützen.“

Medienpädagogik für Berufe im Bildungssystem stärker zu verankern, ist ein richtiger Weg. Doch nicht nur die Ausbildung, auch die fortwährende Unterstützung des Bestandspersonals muss im Fokus sein. Die schnelllebigen Veränderungen müssen auch kurzfristig an Kitas und Schulen Eingang in den pädagogischen Alltag und die Beratung von Eltern finden. Dafür braucht es Zeit und qualitativ hochwertige Fortbildungen.“

„Ein KI-Seepferdchen ist eine spannende Möglichkeit, Kenntnisse nachzuweisen und einen ersten, formalisierten Zugang zu KI zu finden. Die praktische Herausforderung ist jedoch, dass wir mit der Entwicklung kaum hinterherkommen. Hier sind für mich viele praktische Fragen offen.“

Demokratiebildung und Digitales zusammenzudenken, ist in unserer Zeit ein wichtiger Hebel. Wir sehen, wie der digitale Raum von extremistischen Strömungen genutzt wird. Dem müssen wir etwas entgegensetzen. Sei es durch Erprobungsräume oder Peer-Lernen. Besonders freut uns, dass das Potenzial multiprofessioneller Zusammenarbeit ebenfalls Bestandteil der Empfehlungen geworden ist. Die soziale Arbeit zu stärken ist essenziell.“

„Suchtartige Nutzungsformen als Diagnose zu etablieren, ist unbedingt notwendig, da sie das Verhalten Betroffener teilweise maßgeblich beeinträchtigen. Die Herausforderung ist aber, dass nach der Schließung der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Niedersachsen Ende Juni bundesweit nur noch 30 spezialisierte Plätze für suchterkrankte Kinder und Jugendliche zur Verfügung stehen – die dann vor allem an lebensbedrohlich Suchterkrankte gehen werden. Laut Medienberichten erhalten 90 Prozent derer, die eine Therapie brauchen würden, keinen Platz. Auch auf ambulante Therapieplätze muss man häufig lange warten. Eine ICD-Einstufung ist daher löblich, aber wenn keine Konsequenz daraus erfolgen kann, bleibt es Makulatur. ‚Rund um die Uhr erreichbare Kriseninterventionsangebote‘ wären unbedingt notwendig. Mir fehlt leider die Fantasie, wie das zeitnah, qualitativ hochwertig und für Jugendliche niedrigschwellig zugänglich umgesetzt werden soll.“

„Digitale Delikte schneller und besser anzeigen zu können, wäre eine große Hilfe, um den Kinder- und Jugendschutz zu gewährleisten. Denn wir wissen aus der praktischen Arbeit, welche Herausforderung es ist, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern zu verdeutlichen, dass Lehrkräften keine ‚Beweisbilder‘ zugeleitet werden dürfen, da sie sich mit dem Besitz selbst strafbar machen. Eine Kinderonlinewache kann eine geeignete Stelle sein, wenn die Gesellschaft hierüber ausreichend informiert wird.“

„Insbesondere die Feststellung, dass eine hohe Altersgrenze zu kurz greife, bestätigt unsere eigene Positionierung. Es ist wichtig zu betonen, dass die Begrenzung ‚den Zugang Jugendlicher zu Informationen, politischer Meinungsbildung, kultureller Orientierung, sozialen Kontakten und öffentlicher Teilhabe‘ behindere. Vielmehr müssen die Anbieter in die Pflicht genommen werden, ihre eigenen Geschäftsbedingungen umzusetzen. Die meisten haben nämlich bereits ein Mindestalter von 13 Jahren festgeschrieben. Allerdings ist es gleichermaßen richtig, sich gegen die Altersschätzung der Anbieter auszusprechen. Altersverifikation ist ein politisches Problem!“

Nicht zuletzt wendet sich der VBE Bundesvorsitzende Tomi Neckov aber mit einem weiteren Anliegen an die Politik: „Nicht nur digitale Räume sollen kindgerecht gestaltet werden. Wer eine maßvolle Nutzung digitaler Geräte möchte, muss Möglichkeiten der analogen Begegnung bereitstellen. Die aktuelle Debatte zu Einsparpotenzial bei der Jugendhilfe ist nicht hilfreich.“

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) vertritt als parteipolitisch unabhängige Bildungsgewerkschaft die Interessen von ca. 164.000 Pädagoginnen und Pädagogen – aus dem frühkindlichen Bereich, der Primarstufe, den Sekundarstufen I und II und dem Bereich der Lehrkräftebildung – in allen Bundesländern. Der VBE ist eine der beiden großen Bildungsgewerkschaften in Deutschland und mitgliederstärkste Fachgewerkschaft im dbb beamtenbund und tarifunion.

PM Verband Bildung und Erziehung (VBE)

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://filstalexpress.de/schule/208898/handlungsempfehlungen-der-expertenkommission-der-bundesregierung-damit-ist-ein-verbot-vom-tisch/

Schreibe einen Kommentar