Unternehmen und Wirtschaftsverbände haben im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eine Rekordsumme von 382 Mio. Euro ausgegeben, um EU-Institutionen zu beeinflussen. Das sind 27 Mio. Euro mehr als im Vorjahr und fast 50 % mehr als noch im Jahr 2020. Das zeigt eine neue Analyse von LobbyControl und Corporate Europe Observatory zum bevorstehenden Treffen des Europäischen Rates am 18. und 19. Juni. Einbezogen wurden Unternehmen und Wirtschaftsverbände mit einem jährlichen Lobbybudget von mindestens einer Million Euro – insgesamt 173 Akteure.
Die Ergebnisse erscheinen zu einem Zeitpunkt, zu dem die zweite Kommission Ursula von der Leyens unter dem Deckmantel von „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Bürokratieabbau“ zahlreiche Standards zum Schutz von Mensch und Umwelt abbaut. Diese Agenda erfüllt langjährige Forderungen einiger der einflussreichsten Industrieverbände Europas.
Vicky Cann, Campaignerin bei Corporate Europe Observatory, dazu:
„Die Lobbyarbeit der Konzerne hat in der EU ein erschreckendes Ausmaß erreicht – und die aktuellen Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs. Es geht nicht nur darum, Einfluss zu nehmen. Es geht darum, dass die mächtigsten Konzerne in Europa die EU-Politik vereinnahmen, während die Öffentlichkeit außen vor bleibt. All das geschieht mitten in der größten Deregulierungswelle, die es in der EU je gegeben hat. Statt die Interessen der Öffentlichkeit zu verteidigen, halten EU-Entscheidungsträger*innen den größten Industrielobbys die Tür auf.“
Zu den zentralen Ergebnissen des Berichts gehören:
- Einflussmaschine Tech-Lobby: Die größten Tech-Konzerne verfügen insgesamt über die höchsten jährlichen Lobbybudgets von mindestens 73 Millionen Euro. Sie nutzen diese Mittel, um starke Regeln zum Schutz unserer digitalen Rechte zu bekämpfen.
- Fossile Industrie profitiert von Krisen: Die großen Energieunternehmen mit einem jährlichen Lobbybudget von mindestens 52 Millionen Euro nutzen geopolitische Krisen wie den Iran-Krieg, um für ein Comeback fossiler Energien zu werben. Zugleich versuchen sie, „Scheinlösungen“ für die Klimakrise als nachhaltig umzudeuten.
- Ein giftiges Geschäft: Die größten Chemiekonzerne und Branchenverbände geben zusammen mindestens 46,5 Millionen Euro für Lobbyarbeit aus. Sie fordern eine Schwächung der bestehenden und geplanten Regeln zum Schutz der Bürger*innen vor schädlichen Chemikalien und Pestiziden.
Besorgniserregend ist: Diese steigenden Ausgaben werden mit beispiellosem Zugang zur Politik und politischen Ergebnissen belohnt, die häufig dem öffentlichen Interesse schaden. Seit ihrem Amtsantritt hat die zweite Kommission von der Leyen eine Reihe von Omnibus- und Deregulierungsinitiativen auf den Weg gebracht. Betroffen sind unter anderem die Chemikaliengesetzgebung, die Landwirtschaft, die Digitalpolitik, Industrieemissionen und Genehmigungsverfahren.
Felix Duffy, Campaigner bei LobbyControl, sagt:
„Dass die größten Big-Tech-Lobbyist*innen zusammen mindestens 73 Millionen Euro ausgeben, ist ein Warnsignal für die Demokratie. Gerade jetzt braucht Europa dringend starke digitale Regeln. Doch die mächtigsten Tech-Konzerne investieren Rekordsummen, um diese zu schwächen. Google, Amazon, Meta und Co. verfügen schon heute über enorme Marktmacht und privilegierte Zugänge zu politischen Entscheidungsträger*innen.
Statt Big Tech mit einer Schwächung unserer digitalen Regeln entgegenzukommen, muss die Europäische Kommission den Digital Markets Act, den Digital Services Act, den AI Act und die Datenschutz-Grundverordnung konsequent durchsetzen. Wer digitale Grundrechte, fairen Wettbewerb und demokratische Kontrolle schützen will, muss die Macht von Big Tech begrenzen.“
Der Bericht enthält verschiedene Empfehlungen, wie die EU-Lobbyregeln neu ausgerichtet werden sollten. Weil Teile der politischen Entscheidungsprozesse zunehmend von Konzerninteressen vereinnahmt werden – auf Kosten der Interessen von Bürgerinnen und Bürgern – ist dringendes Handeln nötig: um Maßnahmen gegen die Klima- und Umweltkrise zu ergreifen und digitale Rechte zu bewahren. Die Kommission sollte den privilegierten Zugang für Industrielobbys beenden und sicherstellen, dass andere Stimmen – etwa aus der breiten Öffentlichkeit, der Zivilgesellschaft sowie von unabhängigen Wissenschaftler*innen und Forschenden – klar und deutlich gehört werden. Außerdem muss das EU-Transparenzregister für die registrierten Lobbyakteure rechtlich verbindlich werden. Nur so lässt sich das erhebliche Problem ungenauer Daten angehen, die das Register durchziehen und die auch dieser Bericht hervorhebt.
Hinweise für Redaktionen
- Den vollständigen Bericht finden Sie hier und den vollständigen Datensatz finden Sie hier.
- Methodik: Wir haben LobbyFacts genutzt, um alle Unternehmen und Branchenverbände zu analysieren, die zum Stichtag des 11. Mai 2026 jährliche EU-Lobbyausgaben von mindestens einer Million Euro angaben. 2020 und 2025 haben wir die Zahlen mit der gleichen Methode analysiert. Alle Zahlen dürften eher zu niedrig angesetzt sein, da wir jeweils den Mindestwert innerhalb der angegebenen Bandbreiten verwendet haben. Die Analyse benennt und erklärt eine Reihe möglicher Fälle von zu hoch angegebenen finanziellen Lobbydaten, genauso wie Fälle von wahrscheinlich zu niedrig angegebenen Lobbyausgaben – auch bei einigen bekannten Konzernnamen wie Danone. Es ist möglich, dass einzelne Lobbydaten seit dem 11. Mai 2026 von den registrierten Akteuren aktualisiert wurden. Unsere vollständige Methodik ist im Anhang des Berichts beschrieben.
- LobbyFacts ermöglicht es Journalist*innen, Aktivist*innen und Forschenden, Daten aus dem offiziellen EU-Transparenzregister zu durchsuchen, zu sortieren, zu filtern und zu analysieren. So lässt sich nachverfolgen, welche Lobbyakteure auf EU-Ebene aktiv sind und wie sich ihr Einfluss im Laufe der Zeit entwickelt: https://www.lobbyfacts.eu/
Hintergrund
- Weniger Regeln, mehr Einfluss: Wie Europas Schutzstandards unter Druck geraten
- Auswertung aus dem Jahr 2025