„Ich sage die Wahrheit über Selbstschutz – weil die Realität keinen Applaus braucht.“

Ich gebe es ja zu: Manchmal frage ich mich, ob wir als Gesellschaft kollektiv beschlossen haben, die Realität nur noch in homöopathischen Dosen zu ertragen. Am liebsten verdünnt, mit Geschmack, vegan, glutenfrei und bitte ohne Nebenwirkungen.

Und dann stehe ich wieder in einem meiner Selbstschutzseminare, schaue in die erwartungsvollen Gesichter – und weiß: Es wird Zeit, dass jemand die Wahrheit sagt. Und wie immer bleibt das an mir hängen.

Die große Selbstschutz‑Illusion

Ich weiß nicht, wer irgendwann auf die Idee kam, dass man mit drei Wochenendkursen und einem rosa Gürtel plötzlich zur urbanen Amazone mutiert. Wahrscheinlich derselbe Mensch, der glaubt, dass man mit einem Smoothie den Blutdruck senkt und mit einem Moodboard sein Leben ordnet.

Ich sage es mal so, wie ich es denke – und wie es sonst keiner sagt: Kampfsport ist wunderbar. Aber er schützt Sie nicht vor einem brutalen Angriff. Er schützt Sie höchstens vor schlechter Laune und Übergewicht.

Die Straße dagegen – die hat keinen Respekt vor Gürtelfarben. Die Straße hat nicht mal Respekt vor sich selbst.

Wenn Stress kommt, geht die Feinmotorik – und zwar sofort

Ich habe Jahrzehnte im Rettungsdienst und in der Einsatzrealität verbracht. Ich habe Menschen gesehen, die in Sekunden von „Ich hab alles im Griff“ zu „Wo ist oben?“ gewechselt sind.

Und glauben Sie mir: Unter Stress bricht die Feinmotorik schneller zusammen als ein Kartenhaus im Ventilator.

Das ist keine Meinung. Das ist Biologie. Und Biologie ist bekanntlich das, was übrig bleibt, wenn die Instagram‑Tipps versagen.

Der Schwarzgurt – ein Mythos, der sich gut verkauft

Ich habe nichts gegen Schwarzgurte. Ich habe selbst welche. Mehrere. Aber ich habe auch mehrere Kaffeemaschinen – und keine davon macht mich zum Barista.

Viele Schwarzgurte sind fantastische Sportler. Aber Sport ist eben Sport. Und Gewalt ist Gewalt. Das eine hat Regeln, Matten und Applaus. Das andere hat Asphalt, Überraschung und meistens schlechte Laune.

Die Entwaffnungs‑Romantik

Es gibt da draußen tatsächlich Menschen, die glauben, sie könnten einem bewaffneten Täter die Waffe entreißen. Ich frage mich dann immer: Warum? Weil es im Kursheft stand? Weil es im Film funktioniert hat? Weil Chuck Norris es könnte?

Ich sage es mal so: Wenn Sie als Laie versuchen, jemanden zu entwaffnen, dann haben Sie gute Chancen, in der nächsten Statistik aufzutauchen – allerdings nicht in der Spalte „Erfolgreiche Selbstverteidigung“.

Was wirklich funktioniert – und warum es so unspektakulär ist

Ich weiß, es klingt nicht glamourös. Es klingt nicht nach Hollywood. Es klingt nicht einmal nach einem guten YouTube‑Clip.

Aber es funktioniert:

– Überraschung – Schmerz – Lautstärke – Flucht – 110

Das ist alles. Mehr braucht es nicht. Mehr geht auch nicht.

Und ja, ich weiß: Das verkauft sich schlechter als „15 Techniken für jede Lebenslage“. Aber ich bin nicht im Verkauf. Ich bin in der Realität.

Warum ich das alles erzähle

Weil ich es kann. Weil ich es erlebt habe. Weil ich es weiß. Und weil ich nicht bereit bin, Menschen mit Illusionen zu füttern, die ihnen im Ernstfall schaden.

Ich bin kein Motivationscoach. Ich bin kein Influencer. Ich bin nicht hier, um Ihnen ein gutes Gefühl zu verkaufen.

Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, was stimmt. Auch wenn es unbequem ist. Vor allem dann.

Mein Fazit – in einem Satz

Selbstschutz ist nicht schön, nicht elegant und nicht instagrammable. Aber er funktioniert – wenn man ihn realistisch denkt.

Und wenn Sie das jetzt lesen und sich denken: „Der Brandner übertreibt wieder“ – dann sage ich Ihnen: Ich wünschte, ich könnte.

Alfred Brandner

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