Ein Rückblick von Alfred Brandner über die Gewalt gegen Retter und die Warnungen, die niemand hören wollte
Damals, als noch keiner darüber reden wollte
Ich erinnere mich an die ersten Einsätze, die mir klargemacht haben, dass etwas kippt. Es waren keine spektakulären Szenen. Keine Waffen. Keine großen Dramen. Es waren Blicke. Worte. Körpersprache, die plötzlich anders war.
Ich stand damals im Rettungswagen und dachte: „Wenn wir das weiter ignorieren, wird es uns irgendwann einholen.“
Ich habe es ausgesprochen. Laut. Deutlich. Unbequem.
Und genau da passierte etwas, das ich nie vergessen werde: Viele Kolleginnen und Kollegen – und auch verantwortliche Führungskräfte – schüttelten den Kopf. Selbstschutzseminare? Notwehr im Einsatz? „Was soll das denn sein?“, fragten sie. „Wir sind doch die Guten. Von uns will niemand etwas.“
Gleichzeitig treten immer mehr Frauen in die Rettungsdienste ein – eine Entwicklung, die ich ausdrücklich begrüße. Aber sie macht eines unmissverständlich klar: Ohne hochqualifizierte Aus‑ und Fortbildung in Selbstschutz und effektiven Notwehrmaßnahmen ist dieser Beruf für niemanden verantwortbar, und für Frauen erst recht nicht.
Heute berichten die Medien mehrfach täglich über verletzte Rettungskräfte. Damals war ich der Mahner. Heute bin ich der, der sagen kann: „Ich habe es kommen sehen.“
Meine Jahre als Einsatztrainer – und der Kampf gegen das Wegsehen
Als ich begann, Rettungsfachpersonal im Selbstschutz auszubilden, war das Thema ein Störgeräusch im System. Man wollte darüber nicht sprechen. Man wollte es nicht sehen. Man wollte es nicht in den Dienstalltag lassen.
Aber ich hatte die Bilder im Kopf. Ich hatte die Situationen erlebt. Ich wusste, wie schnell ein Einsatz kippen kann.
Meine Trainings waren kein Showprogramm. Sie waren Realität. Sie waren das, was draußen wirklich passiert.
Ich habe gezeigt: – wie man Gefahren erkennt – wie man Grenzen setzt – wie man sich positioniert – wie man deeskaliert – wie man heil nach Hause kommt
Viele sagten später: „Du warst der Einzige, der uns darauf vorbereitet hat.“
Die Bestätigung, die Jahre später kam
Vor nicht allzu langer Zeit schrieb mir Steffen A., Kreisgeschäftsführer einer großen Hilfsorganisation. Seine Worte haben mich nicht überrascht – aber sie haben etwas bestätigt, das lange in der Luft hing: O -Text
Guten Tag Herr Brandner,
vielen Dank für Ihre Nachricht und auch Ihren Bericht im Deutschen Ärzteblatt. (Rettungsdienst: Schutz vor tätlichen Übergriffen) Denke das sind immer wieder Berichte in welchen Sie sehr gut auf das Thema der notwendigen Sensibilisierung im Bereich von „Angriffen und Verteidigung“ im Rettungsdienst eingehen. Ein Thema wo sicherlich auch weiterhin ein „spannendes und leider zunehmendes“ bleiben wird. Ihnen alles Gute bei Ihrer Arbeit damit.
Mit freundlichen Grüßen
Steffen A.
Kreisgeschäftsführer
„Leider zunehmend.“ Dieser Satz sagt alles. Er sagt, dass die Lage ernst ist. Er sagt, dass die Entwicklung nicht mehr wegzudiskutieren ist. Er sagt, dass wir längst an einem Punkt angekommen sind, an dem Selbstschutz kein Zusatz mehr ist – sondern Pflicht.
Die Gewaltwelle – und die Frage, die keiner mehr ignorieren kann
Warum eskalieren Einsätze heute schneller?
Weil die Gesellschaft rauer geworden ist. Weil Respekt schwindet. Weil Alkohol und Drogen Situationen unberechenbar machen. Weil psychische Krisen zunehmen. Weil Einsatzkräfte oft die Ersten sind, die in diese Gemengelagen hineingeraten.
Und weil wir zu lange geglaubt haben, dass uns das nicht betrifft.
Heute betrifft es uns täglich. Mehrfach. Bundesweit.
Was Selbstschutz wirklich bedeutet – und was nicht
Selbstschutz ist kein Kampftraining. Selbstschutz ist kein Heldentum. Selbstschutz ist kein „Wir gegen die anderen“.
Selbstschutz bedeutet: – professionell handeln – Gefahren früh erkennen – sich nicht provozieren lassen – klare Grenzen setzen – sicher kommunizieren – im Notfall richtig reagieren
Es ist ein Werkzeug. Ein Schutzschild. Ein Teil der Professionalität.
Was jetzt passieren muss
Wir brauchen ein bundesweit einheitliches System. Kein Flickwerk. Keine Einzelmaßnahmen. Keine spontanen Reaktionen auf Schlagzeilen.
Ein System bedeutet: – verpflichtende Eigensicherungs‑Ausbildung – regelmäßige Fortbildungen – klare Einsatzrichtlinien – abgestimmte Zusammenarbeit mit Polizei und Leitstellen – psychologische Nachsorge nach Übergriffen – eine Kultur, die Sicherheit ernst nimmt
Solange Selbstschutz vom Engagement einzelner abhängt, bleibt er Glückssache. Und Glück ist kein Konzept.
Mein Rückblick – und mein Auftrag
Ich habe gewarnt, als es keiner hören wollte. Ich habe trainiert, als viele noch wegsahen. Ich habe weitergemacht, weil ich wusste, dass es notwendig ist.
Und heute sage ich es klarer denn je:
Wer Leben rettet, darf nicht schutzlos sein.
Dieser Satz ist kein Appell. Er ist die Grundlage dafür, dass Rettungskräfte ihren Auftrag erfüllen können – sicher, professionell, geschützt.
Und ich werde nicht aufhören, ihn auszusprechen.
Alfred Brandner