Tag des Wolfes: Jagddebatte geht an Realität vorbei

NABU Baden-Württemberg: Neues Bundesjagdgesetz ist kein Ersatz für wirksamen Herdenschutz – Faktencheck veröffentlicht

Zum Tag des Wolfes (30. April) warnt der NABU Baden-Württemberg vor einer einseitigen Pro-Jagd-Debatte beim Wolf. „Schnellschüsse waren noch nie hilfreich und das Märchen vom bösen Wolf müsste doch längst ausgedient haben. In Wahrheit haben Wölfe als große Beutegreifer eine wichtige Rolle im Ökosystem Wald. Da Wölfe nicht zwischen Nutz- und Wildtieren unterscheiden können, bleibt der wolfssichere Herdenschutz das Mittel der Wahl“, sagt NABU-Artenschutzreferentin Alexandra Ickes.

Die Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht auf Bundesebene und dessen Folgen für Baden-Württemberg gefährden aus Sicht des NABU die Erfolge der letzten 26 Jahre* beim Zusammenleben von Mensch, Weidetieren und Wolf: „Den Menschen werden einfache Lösungen vorgegaukelt, die eine Bejagung nicht bietet. Der Wolf ist zu Recht ein geschütztes Wildtier. Aufgabe der nächsten Landesregierung ist es, Weidetierhaltende weiterhin verlässlich zu unterstützen sowie kostenlos und individuell zu beraten. Die Politik darf sich nicht durch Pseudo-Lösungen aus der Verantwortung stehlen“, betont die Biologin. Eine Bejagung von Wölfen könne wirksamen Herdenschutz nicht ersetzen.

Rechtliche Unsicherheiten und falsche Anreize

Die Aufnahme des Wolfes ins Bundesjagdgesetz ist Anfang April erfolgt. NABU-Fachfrau Ickes warnt angesichts drohender Bejagung in mehreren Bundesländern vor einem Rückfall in einen noch schlechteren Erhaltungszustand des Wolfes und daraus folgend klaren Konflikten mit dem EU-Recht. Zwar wurde der Wolfsbestand bundesweit 2025 als „günstig“ gemeldet, doch die Datenbasis ist umstritten und selbst danach ist die Schwelle nur hauchdünn überschritten. Ein Puffer für Verluste durch Verkehr oder Krankheiten muss daher bei jeglichen Abschussplänen mit einberechnet werden. Auch das Ausweisen sogenannter „Weidezonen“ ist rechtlich umstritten. In diesen Zonen sollen Wölfe grundsätzlich nicht vorkommen, was in der Praxis jedoch schwer umsetzbar ist, da durchwandernde Wölfe kaum daran gehindert werden können.

„Aktuell leben nur sechs Wölfe im Land, darunter lediglich ein Weibchen. Für eine echte Population ist das viel zu wenig“, so Ickes. Baden-Württemberg ist für einen günstigen Erhaltungszustand daher auf die Zuwanderung von Wölfen angewiesen.

Herdenschutz wirkt, Bejagung nicht

Ein Blick auf die Entwicklung zeigt: Die Risszahlen in Deutschland sinken seit Jahren, obwohl es mehr Wölfe gibt. In Baden-Württemberg sind nur zwei Fälle bekannt, in denen ein Wolf den zumutbaren Herdenschutz überwunden hat. In allen anderen Rissfällen fehlte entweder der Herdenschutz komplett oder war unzureichend. „Herdenschutz wirkt. Dafür braucht es das Engagement vieler Weidetierhaltender, die dafür eine zuverlässige Förderung benötigen“, so Ickes.

Doch Zuständigkeitswechsel und politische Fokussierung lediglich auf die Jagd verunsichern Weidetierhaltende und gefährden bewährte Förder- und Beratungsstrukturen. „In Baden-Württemberg hat der Wechsel der Zuständigkeit vom Umwelt- an das Landwirtschaftsministerium dafür gesorgt, dass aktuelle Herdenschutzanträge auf Eis liegen. Auch die 100-Prozent-Förderung für Herdenschutzmaßnahmen wie Zäune ist nicht gesichert“, berichtet Ickes. Aktuell sieht es so aus, als ob weidetierhaltende Betriebe mit der neuen Zuständigkeit bei Agrarminister Peter Hauk deutlich schlechter dastehen als zuvor. Es bleibt abzuwarten, was die neue Landesregierung wirklich tut.

Deutschland verfügt über eines der besten Wolfsmonitorings Europas sowie praxiserprobte Konzepte im Umgang mit einzelnen „Problemwölfen“. „Dieses Wissen darf nicht in der Illusion geopfert werden, Jagd könne das Problem lösen“, betont die NABU-Expertin.

Neuer Faktencheck zu Wolf und Herdenschutz

Zum Tag des Wolfes veröffentlicht der NABU einen Faktencheck, in dem zehn hartnäckige Vorurteile und Missverständnisse thematisiert werden. Warum müssen Herdenschutzzäune nicht gebaut sein wie im Zoo? Und kann nicht jeder Wolf über diese niedrigen Zäune springen? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es unter: www.NABU.de/tdw2026

*Vor 26 Jahren wurden in der sächsischen Oberlausitz auf einem Truppenübungsplatz die ersten Wolfswelpen seit der Ausrottung des Wolfes in Deutschland im Jahr 1904 geboren.

Hintergrund:

 

Foto ( © NABU/Annette Wolff): Einzelner Wolf

 

PM NABU Baden-Württemberg

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