Gewalt betrifft uns alle – und keiner hat’s gemerkt

Manchmal frage ich mich, ob wir hier im schönen Schwäbisch Gmünd und drumrum – Göppingen, Aalen, alles was man vom Motorrad aus noch erkennt, bevor’s regnet – eigentlich kollektiv beschlossen haben, die Realität nur noch durch die Windschutzscheibe zu betrachten. Da draußen wird’s nämlich ruppiger. Und zwar nicht nur am Parkplatz vom Möbelhaus, wenn’s wieder nur noch zwei Restposten‑Gartenstühle gibt.

Ich sage das nicht als Hobby‑Pessimist, sondern als jemand, der vier Jahrzehnte lang beruflich dorthin musste, wo andere nur versehentlich landen: Rettungsdienst, Einsätze, Trainingshallen, Hausflure, in denen man sich plötzlich wünscht, man hätte doch die Treppe genommen. Gewalt ist kein Randthema mehr. Sie ist mitten im Alltag angekommen – wie der Paketbote, nur ohne Sendungsverfolgung.

Gefahr im Vertrauten – die neue Normalität

Früher dachte man: „Gefährlich wird’s nachts im Park.“ Heute reicht ein Wartezimmer. Oder ein Hausflur. Oder eine Beziehung. Oder ein Gespräch über Parkplätze in der Innenstadt. In Gmünd, Göppingen und Aalen berichten Kolleginnen und Kollegen zunehmend von Situationen, die früher als „Ausnahme“ galten. Heute nennt man das „Dienstag“.

Die Deeskalation? Ja, die war mal groß in Mode. Heute wirkt sie wie ein VHS‑Kurs, den keiner mehr anbietet. Und die Polizeipräsenz? Sagen wir so: Wenn man sie sieht, freut man sich inzwischen wie über einen seltenen Vogel.

Selbstschutz – kein Sport, sondern eine Haltung

Viele glauben ja, Selbstschutz sei eine Art olympische Disziplin. Mit Gürtel, Urkunde und dem Gefühl, man könne jetzt problemlos drei Angreifer gleichzeitig stoppen, solange sie höflich nacheinander kommen.

In Wahrheit beginnt Selbstschutz viel früher. Bei einem klaren „STOP!“, das man auch meint. Bei Grenzen, die man setzt, bevor jemand sie überschreitet. Bei einfachen Maßnahmen, die auch funktionieren, wenn man gerade nicht aussieht wie in einem Actionfilm.

Für Kinder heißt das: Orientierung statt Kung‑Fu‑Fantasien. Hilfe holen. Grenzen benennen. Notruf absetzen. Für Frauen: Klarheit statt Beschwichtigung. Für Männer: Zuhören statt Erklären. (Ich weiß, das ist der schwierigste Teil.)

Gesellschaft unter Druck – und keiner hat ein Netz

Psychische Belastungen steigen, Versorgungssysteme knirschen, soziale Strukturen bröseln wie ein schlecht gebackener Hefezopf. Helfer erleben Respektlosigkeit, die man früher nur aus schlechten Fernsehformaten kannte. Und Kliniken? Die warnen seit Jahren vor offenen Strukturen. Viele Häuser sind heute so zugänglich, dass man sich wundert, warum nicht wenigstens ein Türstopper „Bitte nicht eintreten“ sagt.

Notwehr – das vergessene Grundrecht

Notwehr ist kein Kampfsport. Es ist ein Grundrecht. Es bedeutet: Ich darf mich schützen, damit ich abends wieder nach Hause komme. Punkt. Dieses Wissen gehört nicht in Fachkreise, sondern in die Gesellschaft. In Schulen. In Familien. In Gespräche, die nicht erst geführt werden, wenn etwas passiert ist.

Handlungsfähig statt ängstlich

Die Frage ist simpel: Wollen wir unvorbereitet leben – oder handlungsfähig sein.

Sicherheit entsteht nicht durch Angst. Sondern durch Wissen, Haltung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Und ja: Das betrifft uns alle. Auch die, die glauben, es gehe sie nichts an. Gerade die.

Alfred Brandner

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