Man könnte es als verspäteten Aprilscherz verstehen, es ist aber durchaus ernst gemeint: Zum Welttag des Bibers am 7. April kürt der NABU Baden-Württemberg den Biber zum Mitarbeiter des Jahrhunderts. Anlass ist eine neue Untersuchung, die zeigt: Der Biber (Castor fiber) vollzieht, insbesondere an kleinen Fließgewässern, zentrale Aufgaben der Gewässerrevitalisierung schneller, günstiger und unbürokratischer als jede technische Maßnahme – wenn man ihn machen lässt.
Der NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle weiß um die Qualitäten des größten Nagetieres Europas: „Biber sind wahre Landschaftsarchitekten. Wo sie am Werk sind, steigt der Artenreichtum enorm. Das zeigen wissenschaftliche Studien aus der ganzen Welt. Sehr viele Tier- und Pflanzenarten profitieren von Biberlandschaften, darunter Libellen, Vögel, Fische, Fledermäuse, Amphibien, kleine Wasserlebewesen und nicht zuletzt wir Menschen. Biber stabilisieren den Wasserhaushalt in der Landschaft, dämpfen Hochwasserspitzen, halten Nährstoffe wie Nitrat zurück und verbessern die Wasserqualität der Fließgewässer. Der Biber ist sogar ein Verbündeter im Klimaschutz, seine Auen wirken als natürliche CO2-Senken.“
Dank Biber schneller und günstiger renaturieren
Am Beispiel eines 1,2 Kilometer langen Gewässerabschnitts des Bampfen bei Baindt im Landkreis Ravensburg zeigt die vom NABU in Auftrag gegebene Kosten-Nutzen-Analyse, dass die vielfältigen Biberleistungen für Natur und Mensch nur mit erheblichem Aufwand zu ersetzen wären. Hier haben Biber aus einer unattraktiven Gewässerrinne durch das Bauen von Dämmen eine strukturreiche Auenlandschaft erschaffen. Das Beispiel Bampfen zeigt für den Autor der Analyse, Landschaftsarchitekt Michael Bolender: „Der Biber hat hier mosaikartige Lebensraumstrukturen und andere Ökosystemdienstleistungen geschaffen, wie wir Menschen sie, unabhängig von den hohen Kosten, in einer derartigen Geschwindigkeit nicht herstellen könnten.“
Planung, Genehmigungen und Bau vergleichbarer Maßnahmen würden über 100.000 Euro kosten und viele Jahre in Anspruch nehmen, zuzüglich jährlicher Instandhaltungskosten von rund 5.600 € im Fall Bampfen. „Bezogen auf die rund 36.000 Kilometer Fließgewässer zweiter Ordnung im Zuständigkeitsbereich der baden-württembergischen Kommunen ergeben sich durch den Biber hochgerechnet Kostenvorteile in Milliardenhöhe.“ Für das Bibermanagement wird hier jährlich mit 3.700 Euro nur ein Bruchteil anfällt.
NABU fordert Perspektivwechsel zugunsten des Bibers
Angesichts der dringenden Notwendigkeit, bei Klimaschutz und Klimawandelanpassung sowie beim Erhalt der Artenvielfalt schneller voranzukommen, fordert Enssle einen Perspektivwechsel: „Der Biber arbeitet ohne Antrag, Ausschreibung oder Rechnung. Gerade in Zeiten knapper Kassen und wachsender Klimarisiken sollten wir diese Leistung anerkennen und viel stärker für uns nutzen. Während alle von Bürokratieabbau und Planungsbeschleunigung reden, setzt der Biber einfach um.“ Der NABU ist überzeugt: Ohne Biber wird die Wiederherstellung der Flusslandschaften in so kurzer Zeit nicht gelingen. „Bürokratie abbauen, Planung beschleunigen, Geld sparen und dabei noch die Natur schützen – der Biber zeigt, wie’s geht. Ein Biberdamm ist in einer Nacht gebaut, Renaturierungsprojekte dauern meist Jahre. Müssten wir Menschen alles selbst planen und umsetzen, was der Biber macht, würde es wohl ein Jahrhundert dauern und einige Milliarden Euro kosten. Daher können wir es uns schlicht nicht leisten, auf die Leistungen des Bibers zu verzichten. Natur schützen, Klimafolgen abmildern und gleichzeitig öffentliche Mittel effizient einsetzen – das gelingt mit dem Biber“, findet Enssle und schlussfolgert: „Er ist damit ein entscheidender Verbündeter, um die Ziele der europäischen Wasserrahmenrichtlinie umzusetzen und unsere Fließgewässer wieder in einen ‚guten ökologischen Zustand‘ zu bringen – wie es die EU-Wasserrahmenrichtlinie bis 2027 vorsieht.“
Konflikte konstruktiv lösen
Durch den Bau von Biberdämmen kann es auch zu Konflikten kommen, beispielsweise wenn landwirtschaftliche Nutzflächen überflutet oder Straßen- und Bahndämme untergraben werden. Diese lassen sich jedoch viel nachhaltiger durch gezieltes Management lösen als durch pauschale Abschüsse, betont NABU-Artenschutzreferentin Alexandra Ickes: „Statt Schnellschüssen, wie der neuen Biberverordnung, braucht es mehr Flächen für Gewässerentwicklung und das gezielte Bibermanagement, das sich bewährt hat.“ Wo es ernsthafte Probleme gebe, würden bereits heute Biberdämme reguliert und wichtige Infrastrukturen geschützt, wie Gleise, Straßen und Bauten, etwa durch Gittermatten, oder wertvolle Bäume durch Drahthosen. „Abschüsse bringen nichts. Die Reviere werden schnell durch neue Biber besetzt. Sowohl die Kosten-Nutzen-Analyse als auch weitere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die durch den Biber verursachten Kosten deutlich niedriger sind als sein Nutzen für uns Menschen.“
Aus Sicht des NABU braucht die neue Landesregierung beim Biber daher einen anderen Blick – weg vom Biber als sogenanntes Problemtier, hin zum wichtigen Partner für Naturschutz, Klimaanpassung und ökologische Gewässerentwicklung. Dass diese Forderungen auch einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung haben, zeigt die große Unterstützung der Landtagspetition von NABU und BUND zum Schutz des Bibers: Binnen sechs Wochen zeichneten mehr als 14.300 Menschen die „Biber-Petition“ mit – die höchste Beteiligung, seit es möglich ist Landtagspetitionen online mitzuzeichnen.
Hintergrund:
Link zur Kosten-Nutzen-Analyse Biber und zu einer Zusammenfassung
- Kosten-Nutzen-Analyse: Erstellt vom Landschaftsplanungsbüro Bolender im Auftrag des NABU Baden-Württemberg. Vergleich zweier Szenarien: Leistungen des Bibers bei der Neugestaltung eines Abschnitts des Flusses Bampfen (Szenario A) im Vergleich zur technischen Erstellung (Szenario B).
- Kostenersparnis: Während im Szenario B bereits für Vermessung, Baustelleneinrichtung, Erd-/Wasserbau, Dammbauwerke, Strukturierung und Pflege erhebliche Einmal- und Folgekosten bilanziert werden (rund 109.000 Euro einmalig, 5.600 Euro jährlich), sind im Szenario A große Teile dieser Leistungen durch Biberaktivität abgedeckt. Für Bibermanagement, Konfliktprävention, punktuelle Sicherungsmaßnahmen sowie Monitoring werden 3.700 Euro jährlich veranschlagt. Ein Nutzungsausfall wird aufgrund der breiten Gewässerrandstreifen nicht berechnet.
- Qualitäts- und Zeitvorteil: Durch Biberaktivitäten entstehen Habitatstrukturen und Retentionsräume häufig in kurzer Zeit standortangepasst. Eine technische Gewässerrevitalisierung hat einen langen Planungs- und Genehmigungsvorlauf von etwa fünf Jahren.
Hintergrundinfos zum Biber
Foto von Bernhard Schubert
PM NABU (Naturschutzbund Deutschland) Landesverband Baden-Württemberg e.V.