Ein Hinweis, der in der Region begann
Offene Türen, freie Wege, keine Fragen – so begegnen einem die Kliniken im Raum Schwäbisch Gmünd und Göppingen seit Jahren. Doch was vertraut wirkt, ist aus Sicht der Praxis ein klarer Hinweis auf eine unterschätzte Gefahr. Die Stauferklinik und die Häuser der umliegenden Landkreise sind so offen gestaltet, dass sie im Ernstfall zur Angriffsfläche werden. Wer beruflich in diesen Strukturen unterwegs ist, sieht diese Schwachstelle jeden Tag.
Genau deshalb machte mir der Sommer 2016 Sorgen
Als in Frankreich ein Krankenhaus Ziel eines Anschlags wurde, war für mich klar: Die Strukturen dort unterscheiden sich kaum von denen hier bei uns. Und ich wusste aus meiner Arbeit im Rettungs- und Sicherheitsbereich, wie leicht es wäre, auch in Deutschland ein Krankenhaus anzugreifen – auch in unserer Region.
Der Brief, der von Gmünd aus nach Berlin ging
Im August 2016 setzte ich mich an meinen Schreibtisch und schrieb zwei Briefe: einen an das Bundesinnenministerium in Berlin, einen an das Innenministerium Baden‑Württemberg in Stuttgart. Ich schilderte, was ich aus Einsätzen, Übungen und Klinikalltag kannte:
- mehrere Eingänge, oft unbewacht
- rund um die Uhr Publikumsverkehr
- Lieferanten, die ohne Kontrolle ein- und ausgehen
- Kofferkulis und Transporthilfen, mit denen sich schwere Gegenstände unauffällig bewegen lassen
Ich schrieb, dass ein Täter kaum ein Risiko eingehen müsste, um gefährliche Gegenstände in ein Krankenhaus zu bringen. Dass die Strukturen offen sind, weil sie offen sein müssen – und dass genau darin die Gefahr liegt.
Ich wartete auf eine Antwort. Sie kam nicht.
Weder aus Berlin noch aus Stuttgart.
Die Region als Spiegel des Problems
Wer hier in der Gegend ein Krankenhaus betritt – ob in Gmünd, Göppingen, Aalen oder Schorndorf – sieht denselben Alltag: Menschen kommen und gehen, Türen stehen offen, Abläufe sind auf Versorgung ausgerichtet, nicht auf Sicherheit. Und das ist verständlich. Ein Krankenhaus ist kein Hochsicherheitsbereich. Es soll helfen, nicht abschotten.
Doch genau diese Offenheit ist eine Schwachstelle.
Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich im Einsatzdienst nachts durch Nebeneingänge ging, die offenstanden, weil Personalwechsel anstanden. Ich erinnere mich an Lieferanten, die mit Rollwagen durch die Gänge fuhren, ohne dass jemand wusste, wer sie waren. Und ich erinnere mich an Besucher, die sich frei bewegten, weil niemand Zeit hatte, sie zu begleiten.
Diese Beobachtungen waren nicht theoretisch. Sie waren Alltag.
Frankreich als Warnsignal – und die Erkenntnis für uns
Der Anschlag in Frankreich war für mich kein fernes Ereignis. Er war ein Hinweis darauf, dass die Bedrohungslage nicht an Landesgrenzen endet. Zwischenzeitlich wissen wir, dass entsprechende Planungen auch in Deutschland existierten. Und dass die Bedrohungslage bis heute nicht verschwunden ist.
Gerade in ländlichen Regionen, in denen Kliniken oft weniger Personal und weniger Sicherheitsstrukturen haben, ist die Verwundbarkeit besonders sichtbar.
Die Jahre danach: Eine stille Lücke
In den Jahren nach meiner Warnung habe ich oft darüber nachgedacht, warum niemand reagiert hat. Vielleicht war es Überlastung. Vielleicht politische Vorsicht. Vielleicht die Angst, ein Thema anzufassen, das unangenehm ist.
Doch die Realität bleibt: Die Verwundbarkeit ist da. Und sie ist sichtbar – auch hier bei uns.
Krankenhäuser sind keine Festungen. Sie können es auch nicht sein. Aber sie brauchen Konzepte, die über das Alltägliche hinausgehen. Und sie brauchen Verantwortliche, die bereit sind, Risiken anzuerkennen, bevor sie Realität werden.
Heute: Die Frage, die uns alle betrifft
Wenn ich auf die letzten zehn Jahre zurückblicke, bleibt eine Frage offen – und sie betrifft nicht nur Berlin oder Stuttgart, sondern auch unsere Region:
Wie lange kann man eine Schwachstelle ignorieren, die jeder sehen kann?
Ich habe 2016 gewarnt, weil ich es für notwendig hielt. Nicht, um Angst zu erzeugen, sondern um Verantwortung wahrzunehmen. Heute ist die Gefahr nicht verschwunden. Sie hat nur den Platz gewechselt – von den Schlagzeilen in die Strukturen.
Alfred Brandner