Mit 73 Jahren steht Alfred Brandner aus Schwäbisch Gmünd noch immer im Dojang – und denkt nicht ans Aufhören.
Es gibt einen Moment im Leben, da merkt man, dass der eigene Körper plötzlich eine Art Betriebsrat gegründet hat. Er meldet sich zu Wort, stellt Forderungen, verweist auf Überlastung. Bei mir kam dieser Moment nach 35 Jahren Taekwondo.
„Das Knie möchte heute nicht.“ „Der Rücken hat Fragen.“ „Die Hüfte verweigert Überstunden.“
Ich höre zu. Aber ich unterschreibe nichts.
Denn während mein Körper langsam in den Vorruhestand möchte, scheint die Gesellschaft begeistert mitzunicken. „Na klar, du bist ja auch nicht mehr der Jüngste.“ „Mit deinem Alter würde ich auch kürzertreten.“ „Man muss wissen, wann Schluss ist.“
Interessant, wie viele Experten plötzlich auftauchen, wenn es um das Alter anderer geht.
Die stille Erwartung: Werde bitte unsichtbar
Es gibt eine unausgesprochene Regel in unserer Gesellschaft: Wer älter wird, soll leiser werden. Unauffälliger. Bequemer.
Man soll nicht mehr zu viel wollen, nicht mehr zu viel fordern, nicht mehr zu viel ausprobieren. Man soll sich „angemessen“ verhalten – was immer das heißen soll.
Ich habe mit vierzig Jahren Taekwondo begonnen. Ein Alter, in dem man angeblich nur noch Nordic Walking machen darf. Ich stand in der letzten Reihe, zwischen Kindern und Schwarzgurten, und niemand erwartete etwas von mir.
Und genau das ist das Problem.
Wir reden über Respekt – aber wir meinen Jugend
Deutschland liebt das Wort „Respekt“. Es steht auf Plakaten, in Reden, in Leitbildern. Aber wenn es um ältere Menschen im Sport geht, wird Respekt plötzlich zu einer höflichen Form von Abschied.
„Beeindruckend, dass du das noch machst.“ „In deinem Alter!“ „Hut ab – ich könnte das nicht mehr.“
Das klingt nett. Ist es aber nicht. Es ist die verbale Version eines Klopfers auf die Schulter, der sagt: „Mach’s gut, alter Freund. Wir übernehmen ab hier.“
Der Körper wird langsamer – die Vorurteile schneller
Nach 35 Jahren Taekwondo merke ich, dass mein Körper sich verändert. Das ist normal. Was nicht normal ist: dass die Gesellschaft daraus sofort eine Schlussfolgerung zieht.
Alt = fertig. Alt = Rückzug. Alt = Randplatz.
Dabei ist Alter keine Schwäche. Alter ist Kompetenz. Alter ist Erfahrung. Alter ist die Summe aller Kämpfe, die man gewonnen hat – und der, die man überlebt hat.
Warum ich bleibe – und warum das politisch ist
Ich bleibe auf der Matte, weil ich nicht einsehe, dass mein Alter anderen gehört. Ich bleibe, weil ich nicht bereit bin, mich in die stille Ecke der „Seniorenfreundlichen Aktivitäten“ schieben zu lassen. Ich bleibe, weil ich gelernt habe, dass man im Leben nicht der Schnellste sein muss – nur der, der wieder aufsteht.
Und ich bleibe, weil es Zeit ist, dass wir eine unbequeme Wahrheit aussprechen:
Wir haben kein Problem mit alten Körpern. Wir haben ein Problem mit unseren Vorstellungen von ihnen.
Mein Fazit
Vielleicht werde ich irgendwann nicht mehr jeden Kick zeigen können. Vielleicht werde ich irgendwann nicht mehr jede Prüfung bestehen. Vielleicht werde ich irgendwann nicht mehr in der letzten Reihe stehen – sondern daneben, mit einem Kaffee in der Hand.
Aber eines ist sicher:
Ich gehe nicht leise. Ich gehe nicht unsichtbar. Ich gehe nicht, weil andere glauben, es sei Zeit.
Ich gehe, wenn ich es entscheide. Und bis dahin bleibe ich – auf der Matte, im Leben, und in einer Gesellschaft, die dringend lernen muss, dass Alter kein Rückzug ist, sondern eine Form von Stärke.
Alfred Brandner