27. JANUAR 2026: ERINNERN HEISST SCHÜTZEN!

Zum 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz gedenkt das Queere Netzwerk Baden-Württemberg aller Opfer des Nationalsozialismus. Wir erinnern daran, dass auch queere Menschen verfolgt wurden – und dass Erinnerungskultur heute aktiv verteidigt werden muss.

Am 27. Januar jährt sich die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz zum 81. Mal. Das Queere Netzwerk Baden-Württemberg gedenkt an diesem Tag aller Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt, entrechtet, deportiert und ermordet wurden. Die nationalsozialistischen Verbrechen richteten sich auch gegen queere Menschen. Männer, die nach §175 kriminalisiert, Menschen, die als geschlechtlich „abweichend“ markiert, sowie lesbische Frauen, die vom NS-System als sogenannte „Gemeinschaftsfremde“ stigmatisiert wurden, waren Gewalt, Haft und Ermordung ausgeliefert.

Erinnerung ist dabei nicht nur ein jährliches Ritual: Sie ist ein gesellschaftlicher Auftrag. Und dieser Auftrag wird aktuell politisch und finanziell unter Druck gesetzt. Der Bundestag verabschiedete 2024 den „Aktionsplan der Bundesregierung für Akzeptanz und Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt – Queer leben“; ein wesentlicher Bestandteil war ausdrücklich die Stärkung der Erinnerungskultur sowie der Schutz vor Gewalt und Anfeindungen. Obwohl der Aktionsplan nur teilweise umgesetzt wurde, gilt er nun unter der Bundesregierung Merz als beendet.[1]

„Wenn ein Aktionsplan, der Schutz und Erinnerung zusammendenkt, politisch abgeräumt wird, trifft das nicht nur queere Projekte“, mahnt Helga Hedi Denu (Bad Boll), Mitglied des Sprechendenrats des Queeren Netzwerks BW, „es schwächt das demokratische Selbstverständnis und signalisiert denen Rückenwind, die Vielfalt und Menschenrechte offen angreifen.“

Baden-Württemberg ist auf lebendige Erinnerungsarbeit angewiesen – in Gedenkstätten, Archiven, Bildungs- und Forschungsprojekten, lokalen Initiativen und zivilgesellschaftlichen Kooperationen. Doch viele dieser Strukturen sind gefährdet. Sie sind abhängig von Kulturetats und Fördermitteln. Wenn Kommunen und Institutionen sparen müssen, geraten häufig zuerst jene Projekte unter Druck, die nicht laut sind, aber unverzichtbar: Forschung zu lokaler Geschichte, Zeitzeug_innenarbeit, queere Perspektiven in der Aufarbeitung der NS-Zeit.

„Erinnerungskultur ist keine Deko, sondern demokratische Infrastruktur“, sagt Corinna Wintzer (Pforzheim), ebenfalls Mitglied des Sprechendenrats. „Wer Archive, Bildung und zivilgesellschaftliche Projekte verschwinden lässt, erschwert Aufarbeitung. Das öffnet Leerstellen, in die Geschichtsrevisionismus und Menschenfeindlichkeit hineinwirken.“

Am 27. Januar gilt unser Gedenken den Ermordeten und den Überlebenden. Gleichwohl blicken wir in die Gegenwart: Erinnerung lehrt und verpflichtet dazu, Ausgrenzung und Entmenschlichung zu widersprechen, wo immer sie auftreten. Dazu braucht es politische Rückendeckung, verlässliche Finanzierung und die klare Botschaft: Nie wieder ist jetzt – auch für queere Menschen.

[1] Mittlerweile wurde eine Petition ins Leben gerufen, um den Aktionsplan zurückzuholen:
https://weact.campact.de/petitions/aktionsplan-queer-leben-zuruckholen

PM Queeres Netzwerk Baden-Württemberg – Landesverband von und für LSBATINQ+

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