Nennenswerte Strukturverbesserungen durch Großleitstellen – selbst die Hilfsfristen könnten optimiert werden

Nahezu vier Jahrzehnte nach der emotional geführten Debatte um die Schließung der Rettungsleitstelle Schwäbisch Gmünd zeigt sich ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Was 1988 als schmerzhafter Einschnitt erlebt wurde, könnte rückblickend ein früher Schritt in eine heute notwendige Entwicklung gewesen sein: die Bündelung von Leitstellenstrukturen.  

Ein Blick zurück: „Wir können nicht länger schweigend zusehen“

Mit deutlichen Worten kritisierten der damalige Rettungsdienstchef Miller und sein Mitarbeiter Brandner die Stilllegung der Gmünder Leitstelle. Die Schlagzeilen der Rems-Zeitung aus dem Jahr 1988 sprachen von einem „pannenträchtigen Leitstellenbetrieb“ und von Fachleuten, die aus Gewissensgründen kündigten.

Die Befürchtung: Eine Zentralisierung würde Nachteile für die Bevölkerung bringen. Die Realität: Die Disposition des Altkreises Schwäbisch Gmünd wurde von Aalen übernommen – ein Schritt, der damals als Verlust empfunden wurde, aber heute in einem anderen Licht erscheint.

Nahezu vierzig Jahre später: Technik, Strukturen und Erwartungen haben sich verändert

Die technischen Möglichkeiten von heute sind mit denen der 1980er Jahre nicht mehr vergleichbar. Moderne Leitstellensysteme, digitale Alarmierungswege, präzise Ortungstechnologien und leistungsfähige Kommunikationsnetze eröffnen Spielräume, die damals undenkbar waren.

Vor diesem Hintergrund wirkt die damalige Forderung nach einer Reaktivierung der Gmünder Leitstelle nicht mehr zeitgemäß – und wäre heute weder praktikabel noch sinnvoll.

Zentralisierung als Chance – nicht als Risiko

Die damalige Schließung, ursprünglich aus Kostengründen vollzogen, kann rückblickend als richtungsweisender Schritt verstanden werden. Die Betriebsabläufe haben sich längst stabilisiert, die Herausforderungen einer Übernahme wurden überwunden.

Die entscheidende Frage lautet heute: Brauchen wir wirklich so viele Rettungsleitstellen wie noch 2009 im baden-württembergischen Rettungsdienstgesetz festgeschrieben – über 30 an der Zahl?

Die Antwort könnte lauten: Nein. Denn moderne Großleitstellen bieten Potenzial für:

  • effizientere Ressourcennutzung
  • bessere Auslastung von Personal und Technik
  • optimierte Dispositionsprozesse
  • und – besonders relevant – verbesserte Hilfsfristen

 

Verantwortung gegenüber Versicherten und Bevölkerung

Wenn Kostenträger und Politik verpflichtet sind, sorgsam mit Beitragsgeldern umzugehen, dann gilt dies erst recht für die Sicherstellung funktionierender Rettungsstrukturen. Eine leistungsfähige Leitstelle ist kein Luxus, sondern ein zentraler Baustein der Gesundheitsversorgung

Ein Blick über den Tellerrand

Für Skeptiker lohnt ein internationaler Vergleich: Los Angeles – rund 12 Millionen Einwohner – arbeitet mit einer einzigen Leitstelle für Rettungsdienst, Polizei und Feuerwehr. Und das System funktioniert.

Dieser Vergleich zeigt: Größe allein ist kein Risiko. Entscheidend sind Struktur, Technik und Professionalität.

Fazit

Die Diskussion von 1988 war geprägt von Emotionen, Unsicherheit und dem damaligen Stand der Technik. Heute eröffnet die Digitalisierung neue Möglichkeiten. Eine Reduktion und Zentralisierung von Leitstellen könnte nicht nur Kosten senken, sondern auch die Qualität der Notfallversorgung verbessern – insbesondere durch optimierte Hilfsfristen.

Die Frage ist nicht mehr, ob wir uns Zentralisierung leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, darauf zu verzichten.

Alfred Brandner

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