Der vorliegende Fallbericht beschreibt eine präklinische Einsatzsituation, in der ein Ersthelfer nach einem Verkehrsunfall auf eine RTW-Besatzung trifft, deren Verhalten deutliche Kommunikationsdefizite und Anzeichen situativer Überforderung erkennen lässt. Der Bericht analysiert die Auswirkungen unzureichender Interaktion zwischen Ersthelfern und professionellen Einsatzkräften auf die Prozessqualität, die Informationskontinuität und die Funktionsfähigkeit der Rettungskette. Die Beobachtungen werden im Kontext bestehender Leitlinien, Qualitätsstandards und Erkenntnisse aus der Einsatzforschung eingeordnet.
Die präklinische Notfallversorgung ist ein komplexes, zeitkritisches System, das auf der Kooperation verschiedener Akteure basiert. Ersthelfer übernehmen dabei eine zentrale Rolle, indem sie frühzeitig Maßnahmen einleiten, Lageinformationen generieren und die Grundlage für eine strukturierte Übergabe schaffen. Die Qualität der Interaktion zwischen Ersthelfern und Rettungsdienstpersonal beeinflusst nachweislich die Effektivität der Rettungskette und die Patientensicherheit.
Der vorliegende Bericht dokumentiert eine Einsatzsituation, in der die Kommunikation zwischen Ersthelfer und Rettungsdienstpersonal erheblich gestört war. Ziel ist es, die beobachteten Abläufe zu analysieren und deren Bedeutung für die präklinische Versorgung zu diskutieren.
Fallbeschreibung
Ereignisort und Erstmaßnahmen
Auf einer Landstraße in Baden-Württemberg kam es zu einem Verkehrsunfall zwischen einem Motorradfahrer und einem PKW. Beim Eintreffen des Ersthelfers befand sich der Motorradfahrer auf der Fahrbahn, war ansprechbar, orientiert und zeigte keine Hinweise auf akute vitale Bedrohung. Der Ersthelfer führte eine orientierende Untersuchung durch und setzte über 112 eine strukturierte Lagemeldung ab.
Eintreffen des Rettungsdienstes
Nach Eintreffen des RTW versuchte der Ersthelfer, eine standardisierte Übergabe (z. B. nach ABCDE- und SAMPLER-Schema) einzuleiten. Die RTW-Besatzung zeigte jedoch ein hektisches, unkoordiniertes Vorgehen und reagierte nicht auf die Übergabeversuche. Ein erneuter Versuch wurde mit einer abwertenden Aufforderung, die Einsatzstelle zu verlassen, quittiert.
Analyse
1. Kommunikationsversagen als Risikofaktor
Strukturierte Übergaben gelten als essenzieller Bestandteil der präklinischen Versorgung. Studien zeigen, dass Informationsverluste an Schnittstellen signifikant zur Fehlerentstehung beitragen. Das beobachtete Verhalten der RTW-Besatzung stellt ein klassisches Beispiel für ein „Breakdown in Communication“ dar, das potenziell negative Auswirkungen auf die Patientenversorgung haben kann.
2. Bedeutung der Ersthelferinformationen
Ersthelfer verfügen häufig über exklusive Informationen zum Unfallhergang, zur initialen Patientensituation und zu zeitkritischen Veränderungen. Die Nichtberücksichtigung dieser Informationen widerspricht gängigen Qualitätsstandards und kann die diagnostische und therapeutische Entscheidungsfindung beeinträchtigen.
3. Stressreaktionen und Kompetenzgrenzen
Das Verhalten der Einsatzkräfte lässt auf situative Überforderung oder mangelnde Routine schließen. Einsatzforschung zeigt, dass Stress, Zeitdruck und fehlende Erfahrung zu inadäquaten Kommunikationsmustern führen können. Solche Reaktionen sind nicht ungewöhnlich, müssen jedoch im Rahmen von Aus- und Fortbildung adressiert werden.
4. Systemische Implikationen
Der Vorfall verweist auf strukturelle Herausforderungen im Rettungsdienst:
- Variabilität in der Ausbildungsqualität
- Defizite in der Vermittlung kommunikativer Kompetenzen
- Fehlende Sensibilisierung für die Rolle von Ersthelfern
- Unzureichende Reflexionskultur im Einsatzalltag
Diese Faktoren können die Funktionsfähigkeit der Rettungskette beeinträchtigen.
Einordnung durch den Berichtenden
Der Ersthelfer eine Rettungsfachkraft, geprüft und staatlich anerkannt, verfügt über mehrere Jahrzehnte Berufserfahrung im Rettungsdienst, umfangreiche Fortbildungen sowie Tätigkeit als Dozent und Autor im Bereich Rettungswesen und Gewaltprävention. Die fachliche Expertise ermöglicht eine differenzierte Bewertung des Einsatzgeschehens. Dennoch zeigt der Fall, dass selbst erfahrene Akteure Kommunikationsstörungen nicht kompensieren können, wenn strukturelle und situative Faktoren zusammentreffen.
Schlussfolgerung
Der Fall illustriert die Relevanz professioneller Kommunikation an der Einsatzstelle und die Notwendigkeit, Ersthelfer als integralen Bestandteil der Rettungskette wertzuschätzen. Die Ergebnisse unterstreichen den Bedarf an:
- systematischer Schulung kommunikativer Kompetenzen,
- Sensibilisierung für Schnittstellenprozesse,
- Förderung einer respektvollen Einsatzkultur,
- und Etablierung verbindlicher Übergabestandards.
Eine funktionierende Rettungskette setzt voraus, dass alle Beteiligten – professionelle Einsatzkräfte wie Ersthelfer – kooperativ, strukturiert und wertschätzend interagieren.
Alfred Brandner