Nach drei Jahren Laufzeit zieht das vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) geförderte Projekt Bilanz: Nach der Teilnahme an den Mitmach-Aktionen des Projektes wurden deutlich weniger vermeidbare Lebensmittelabfälle in Privathaushalten dokumentiert. Daraus lassen sich wichtige Ansatzpunkte für zukünftige Maßnahmen ableiten.
Wie lässt sich Lebensmittelverschwendung in privaten Haushalten verringern? Dieser Frage ist das Projekt „Dialogforum private Haushalte 2.0 – Reduzierung der Lebensmittelverschwendung“ (DiFo 2.0) seit Oktober 2023 nachgegangen. Zum Projektende im September 2026 legen Slow Food Deutschland e. V. und das Fachgebiet Bildung für Nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft der Technischen Universität Berlin ausgewählte Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen vor. Sie richten sich an alle, die Verbraucherinnen und Verbraucher beim wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln unterstützen – von Politik und Verwaltung über Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft bis hin zu Bildungseinrichtungen und Initiativen.
Das Projekt: Messen, mitmachen, vernetzen
Private Haushalte verursachen den größten Teil der Lebensmittelabfälle in Deutschland. Im Rahmen der „Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung“ des BMLEH knüpfte das Dialogforum private Haushalte 2.0 an das Vorgängerprojekt „Dialogforum private Haushalte“ an, das 2023 abgeschlossen worden war. Ziel war es, die Forschung zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen im Haushalt voranzutreiben und die Zusammenarbeit der Akteurinnen und Akteure zu verstetigen, die Verbraucherinnen und Verbraucher erreichen.
Das digitale Küchentagebuch
Kernstück war und ist ein digitales Küchentagebuch, das in enger Abstimmung mit dem Bundesministerium entwickelt und in die App Zu gut für die Tonne! integriert wurde. Damit erfassen Haushalte, was sie wegwerfen, wie viel davon vermeidbar gewesen wäre und aus welchen Gründen. Gemeinsam mit Praxispartnern aus Lebensmittelherstellung und -handel entstanden fünf Mitmach-Aktionen unter dem Titel „Miss mit!“ – zu Themen wie Einkaufsplanung, Lagerung, Haltbarkeit und Resteverwertung. Im Rahmen dieser modellhaften Mitmach-Aktionen dokumentierten 222 Haushalte in über 7.400 Einträgen ihre Lebensmittelabfälle jeweils 7 Tage vor und 7 Tage nach einer Aktion. Zudem fanden Messungen im Rahmen einer begleitenden Marktforschungsstudie mit 420 Teilnehmenden statt.
Lebensmittelverschwendung wird bewusst
Das Ergebnis ist ermutigend: Die durchschnittlich dokumentierte Menge vermeidbarer Lebensmittelabfälle sank in der zweiten Messphase um rund 27 Prozent. Welchen Anteil daran die Aktionsinhalte, das tägliche Protokollieren oder andere Einflüsse hatten, lässt sich aufgrund des Studiendesigns nicht eindeutig trennen. Viele Teilnehmende berichteten jedoch, dass ihnen durch das Eintragen eigene Muster und Gründe bewusster geworden seien.
„80.000-mal isst der Mensch im Laufe seines Lebens, das sind 80.000 Entscheidungen, die er treffen muss. Dabei spielt die Ernährungsumgebung eine ebenso gewichtige Rolle, wie die Wertschätzung für Lebensmittel und die Verantwortung im Umgang mit ihnen. Deshalb haben wir Akteure entlang der Lebensmittelversorgungskette einbezogen, um zu schauen, welches Potenzial Informationsmaßnahmen von Herstellern und Handel haben. Die Ergebnisse zeigen: Konkrete, alltagstaugliche Informationen von Akteuren entlang der Wertschöpfungskette und das Messen von Lebensmittelabfällen können helfen, Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten zu reduzieren. Die Reduzierung der Lebensmittelverschwendung ist eine gemeinsame Aufgabe aller Beteiligter“, vermerkt Projektleiterin Andrea Lenkert-Hörrmann von Slow Food Deutschland e. V.
Sechs Handlungsempfehlungen (eine Auswahl)
Aus den Mitmach-Aktionen, einer begleitenden Studie und der Netzwerkarbeit leitet das Projektteam folgende Empfehlungen ab:
1. Selbstbeobachtung als Werkzeug nutzen
Wer festhält, was im Müll landet, erkennt eigene Gewohnheiten und Muster. Digitale Hilfsmittel wie das Küchentagebuch sollten deshalb weiter eingesetzt und in Bildungs- und Beratungsangebote eingebunden werden.
2. Vermeidbare Abfälle in den Mittelpunkt stellen
Schalen, Kerne oder Knochen lassen sich nicht vermeiden; ihr Anteil blieb während der Miss-Mit-Aktionen nahezu unverändert. Maßnahmen und Kommunikation sollten daher auf die Verringerung vermeidbarer Abfälle zielen. „Erfolg bedeutet nicht, dass kein Gramm mehr weggeworfen wird. Entscheidend ist, vermeidbare Abfälle gezielt zu verringern“, sagt Prof. Dr. Nina Langen, Leiterin des Fachgebiets Bildung für Nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft der TU Berlin. Zugleich gilt: Kompostieren ist zwar eine Form der Verwertung, gilt aber als Lebensmittelabfall und nicht als Reduzierung – entscheidend ist, dass Abfälle gar nicht erst entstehen.
3. Bei Lagerung und Vorrat ansetzen
Besonders deutlich ging die Menge zurück, die wegen Verderb oder Schimmel entsorgt wurde. Richtige Lagerung, ein guter Überblick über Vorräte und die rechtzeitige Verwendung vorhandener Lebensmittel bieten konkrete Ansatzpunkte für künftige Angebote.
4. Auf Dauer statt auf einmalige Impulse setzen
In einer begleitenden Studie mit 420 Teilnehmenden zeigten kurze, einmalige Reflexions- oder Planungsaufgaben keinen zusätzlichen Effekt. Haushalte, die bereits Erfahrung mit dem Küchentagebuch hatten, lagen zudem schon auf niedrigerem Niveau. Wirksame Maßnahmen sollten daher wiederholt, praxisnah und über längere Zeiträume angelegt werden.
5. Messmethoden weiterentwickeln
Die Auswertung zeigt, dass schon die Gestaltung eines Erfassungsinstruments die Angaben beeinflussen kann. Um Maßnahmen verlässlich zu bewerten, braucht es weitere Forschung zu geeigneten Messverfahren, längeren Beobachtungszeiträumen und die Prüfung, ob Veränderungen dauerhaft bestehen bleiben.
6. Partnerschaften und Netzwerke verstetigen
Über Partner aus der Lebensmittelwirtschaft konnten Haushalte bundesweit und niedrigschwellig erreicht werden. Die Beteiligten hoben besonders den fachlichen Austausch und die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit hervor. Diese Strukturen sowie die im Projekt aufgebauten Netzwerke von Vertreter*innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, öffentlichen und privaten Organisationen und Institutionen sollten über das Projektende hinaus erhalten und ausgebaut werden. Wie wichtig Austausch und Vernetzung sind, betonte auch Prof. Dr. Dr. Markus Schick, Staatssekretär im Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH), auf der Abschlussveranstaltung des Projekts am 17. September 2026 in Berlin. Er würdigte die Arbeit des Dialogforums und kündigte an, dass das BMLEH mit Zu gut für die Tonne! die Netzwerkarbeit weiterführen werde.
Digitales Küchentagebuch weiterhin verfügbar
Das digitale Küchentagebuch bleibt in der App Zu gut für die Tonne! verfügbar. Drei externe Partner nutzen es weiter, und neue Mitmach-Aktionen können mit der Koordinierungsstelle Zu gut für die Tonne! vereinbart werden. Die ausführlichen Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen stehen unter www.slowfood.de zum Download bereit.
Über das Projekt
Das Dialogforum private Haushalte 2.0 wurde im Rahmen der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) gefördert. Es arbeitete eng mit der BMLEH-Initiative Zu gut für die Tonne! zusammen. Die Projektträgerschaft erfolgte über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) über den Zeitraum Oktober 2023 bis September 2026. Das Dialogforum wurde von Slow Food Deutschland zusammen mit dem Fachgebiet Bildung für Nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft der TU Berlin durchgeführt.
PM Slow Food Deutschland e.V.