Terra Madre Salone del Gusto 2026 endet heute mit einem erneuerten politischen Auftrag für die weltweite Slow Food Bewegung. Nach vier Tagen des Austauschs, der Debatte und des gemeinsamen Handelns kamen Landwirt:innen, Fischer:innen, indigene Führungspersönlichkeiten, Köch:innen, Fachleute aus dem Lebensmittelbereich, Aktivist:innen und Veränderungsstifter:innen in Turin mit einer gemeinsamen Überzeugung zusammen: Ernährung bleibt eines der stärksten Werkzeuge, um den ökologischen, sozialen und politischen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen.
„Carlo hat uns gezeigt, dass Essen Kultur, Freude, Identität, Gerechtigkeit und Sorge für die Erde bedeutet“, sagte Edward Mukiibi. „Es lässt sich nicht von den ökologischen, sozialen und politischen Bedingungen trennen, unter denen es erzeugt, verteilt und konsumiert wird. Es gibt keine Ernährungsgerechtigkeit ohne Frieden und keinen dauerhaften Frieden ohne Gerechtigkeit“, fügte er hinzu. „Als globale Bewegung lehnen wir Individualismus, Ausgrenzung und Nationalismus ab und setzen stattdessen auf Vielfalt, Solidarität und Zusammenarbeit.“
Während der Abschlussveranstaltung der Slow Food Participants‘ Assembly (Kongress) bestätigten die Delegierten des weltweiten Netzwerks eine gemeinsame politische Vision für die nächsten vier Jahre und unterstrichen die Rolle von Slow Food als globale Bewegung für Ernährungsgerechtigkeit, Biodiversität und sozialen Wandel. Die in Turin getroffenen Entscheidungen bekräftigen das Engagement von Slow Food, auf lokaler und globaler Ebene zugleich zu handeln: Gemeinschaften dabei zu unterstützen, ihre Lebensmittelsysteme vor Ort zu verändern, und ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Forderungen mit einer weltweiten Bewegung zu verbinden.
„Gemeinsam können wir Lebensmittelsysteme schaffen, die die Würde und das Wissen der Menschen wertschätzen, die unsere Nahrung erzeugen. In einer zunehmend von Spaltung und Polarisierung geprägten Welt ist die Botschaft unseres Treffens klar: Verbindungen zu schaffen ist keine abstrakte Hoffnung, sondern ein politischer Akt und entscheidend für echten Wandel“, schloss Mukiibi.
Erneuerte internationale Führung
Der Slow Food Vorstand bestätigte Präsident Edward Mukiibi (Uganda), Marta Messa, die im vorherigen Mandat als Generalsekretärin tätig war, Dali Nolasco Cruz (Mexiko), Aktivistin für die Rechte indigener Völker und Leiterin des Slow Food Netzwerks indigener Gemeinschaften, sowie Francesco Sottile (Italien), Professor und international anerkannter Experte für Agrarbiodiversität. Neu in den Vorstand berufen wurde Ramon Uy Jr. (Philippinen), Biolandwirt, Sozialunternehmer und engagierter Verfechter von Agrarökologie, nachhaltiger Gastronomie und Biodiversitätsschutz in Südostasien. Der internationale Vorstand spiegelt die Vielfalt, Expertise und globale Reichweite von Slow Food wider.
Carlo Petrinis Vision weitertragen
Dies war die erste Versammlung seit dem Tod des Slow Food Gründers Carlo Petrini. Die Delegierten kamen zusammen, um sein außergewöhnliches Vermächtnis zu würdigen und zugleich Verantwortung dafür zu übernehmen, es gemeinschaftlich weiterzutragen. Die Assembly bekräftigte, dass die Zukunft von Slow Food nicht von einer einzelnen Person abhängt. Ihre Stärke liegt in den Beziehungen, im Wissen und im Handeln Tausender Gemeinschaften, die sich über Kulturen, Regionen und Generationen hinweg miteinander verbinden.
Echte Verbindungen für echten Wandel
Im Mittelpunkt der Versammlung stand die Verabschiedung von Real Connections for Real Change, einer neuen politischen Erklärung, in der Slow Food seine Antwort auf eine von miteinander verflochtenen Krisen geprägte Welt formuliert: Klimawandel, bewaffnete Konflikte, wachsende Ungleichheiten, der Rückgang demokratischer Rechte und die zunehmende Machtkonzentration in den globalen Lebensmittelsystemen.
Die Erklärung fordert entschlossene Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität, zur Anerkennung von Nahrung als grundlegendem Menschenrecht, zur Förderung von Agrarökologie und Ernährungssouveränität sowie zur Verteidigung der Rechte indigener Völker und lokaler Gemeinschaften, deren Wissen und Engagement für die Zukunft der Lebensmittelsysteme unverzichtbar sind. Zugleich warnt das Dokument vor technologischen Lösungen, die Ungleichheiten verschärfen oder Gemeinschaften die Kontrolle über ihre Ressourcen und ihr Wissen entziehen. Innovation, so heißt es darin, muss dem Gemeinwohl dienen, Transparenz und Demokratie stärken und menschliche Beziehungen sowie traditionelles Wissen unterstützen, statt sie zu ersetzen.
Vier Verpflichtungen für die nächsten vier Jahre
Die Versammlung überführte diese gemeinsame politische Vision in vier strategische Verpflichtungen:
- Stärkere und inklusivere Lebensmittelgemeinschaften weltweit aufzubauen, indem lokale Initiativen mit dem Wissen, der Solidarität und der politischen Kraft der globalen Bewegung verbunden werden;
- das Netzwerk von Betrieben auszubauen, die Agrarökologie und Biodiversität voranbringen, und Lebensmittelerzeuger:innen zu unterstützen, die Ökosysteme pflegen, Böden regenerieren und die Vielfalt sichern, von der die Zukunft unserer Ernährung abhängt;
- eine Million Menschen durch Ernährungsbildung und Sensibilisierung zu erreichen, damit Menschen jeden Alters die Auswirkungen ihrer Ernährungsentscheidungen verstehen und Lebensmittelsysteme aktiv mitgestalten können;
- die Rolle von Slow Food als globale politische Kraft zu stärken, indem die Stimmen, Erfahrungen und Forderungen der Gemeinschaften dort eingebracht werden, wo über Ernährung, Landwirtschaft, Klima und Biodiversität entschieden wird.
Gemeinsam bekräftigen diese Verpflichtungen den Kern des Slow Food Auftrags: Gemeinschaften aufzubauen, die gemeinsame Werte in kollektives Handeln übersetzen können.
Sie erkennen zudem an, dass die Bewegung heute politisch wieder besonders relevant ist. Inmitten ökologischer, sozialer und demokratischer Krisen sind Vielfalt und Solidarität nicht nur Ideale, sondern Quellen von Kraft, Widerstandsfähigkeit, Widerstand und Hoffnung – und konkrete Wege, Herausforderungen zu begegnen, die keine Gemeinschaft allein bewältigen kann.
Diese Verpflichtungen sind keine abstrakten Ziele, sondern gründen in täglicher Praxis: in landwirtschaftlichen Betrieben, die agrarökologische Methoden anwenden, in Gemeinschaften, die Saatgut und Ernährungstraditionen schützen, bei Fischer:innen, die aquatische Ökosysteme verteidigen, in der Bildungsarbeit mit jungen Menschen und bei indigenen Völkern, die Gebiete und Wissen bewahren.
Die Stärke des in Turin beschlossenen Mandats wird sich daher nicht nur an der internationalen Sichtbarkeit der Bewegung messen lassen, sondern auch an ihrer Fähigkeit, diese Arbeit zu stärken, Menschen und Gemeinschaften miteinander zu vernetzen und aus Tausenden lokalen Aktivitäten eine gemeinsame Kraft für systemischen Wandel entstehen zu lassen.
Der Blick nach vorn
Während die Delegierten Turin verlassen, endet die Versammlung – doch die Arbeit geht mit neuer Dringlichkeit weiter.
Die Botschaft aus Turin ist zugleich dringlich und hoffnungsvoll: Echter Wandel beginnt mit echten Verbindungen. Indem Slow Food Menschen über Kulturen, Generationen und Kontinente hinweg zusammenbringt, zeigt die Bewegung: Ein anderes Lebensmittelsystem ist möglich – und es muss gemeinsam aufgebaut werden. Die Zukunft der Nahrung wird nicht allein durch Erklärungen bestimmt, sondern durch das tägliche Handeln der Millionen Menschen, die weltweit Lebensmittel anbauen, fischen, zubereiten, teilen und verteidigen. Das nächste Kapitel von Slow Food beginnt mit ihnen.
Die in Turin gestärkten Allianzen und Verpflichtungen werden in lokalen Projekten, Kampagnen, Bildungsarbeit, politischem Engagement und gemeinschaftlichen Aktivitäten weiterleben. Ihren Schwung werden sie bei den kommenden internationalen Terra Madre Treffen weiter entfalten:
- Terra Madre Europe, Frühjahr 2027
- Terra Madre Asia Pacific, 28. Juli bis 1. August 2027
- Terra Madre Americas, 24.–26. September 2027
Terra Madre 2026 endet mit einem klaren Auftrag: Verbindung in Handeln zu verwandeln, Solidarität in politische Kraft zu übersetzen und die tägliche Arbeit der Gemeinschaften in dauerhaften Wandel zu überführen.
PM SLOW FOOD Deutschland e:v.