Das politische Wort zum Sonntag

Am 22. September 1891 wurde Hans Albers geboren:
Er hätte mit seiner Frau in die USA gehen können, hat es aber nicht getan, weil er keine Fremdsprachen konnte und somit hätte nicht mehr auftreten können. Er entschied sich – obwohl er ein entscheidender Nazi-Gegner war – deswegen in Deutschland zu bleiben und sich so weit wie möglich nicht vereinnahen zu lassen. Natürlich gelang ihm das nicht in vollem Umfang, weil er in ein paar Propagandafilmen mitwirken musste. Todesmutig war allerdings sein Mitwirken in „Große Freiheit 7“ von 1944 (das bekannte Lied „La Paloma“ werde ich auf meiner Beerdigung spielen lassen als Zeichen von Mut und Hoffnung für die Nachwelt):
Vermutlich wurde er nur nicht hingerichtet, weil er so populär war und man das der Bevölkerung nicht hätte erklären können. Ich an seiner Stelle wäre damals wahrscheinlich in die USA geflohen und hätte gehofft, dass die Gagen meiner Frau für uns beide reichen würden. Dann hätte ich versucht, ein bisschen englisch zu lernen, mich sonst in der exil-deutschen Community bewegt und versucht, aus dem Exil die Menschen in Deutschland aufzurütteln. Er hat einen anderen Weg gewählt, der ebenfalls sehr gefährlich war und im KZ hätte enden können. Auch war sein Leben nach dem Krieg nicht frei von Schuldgefühlen, was später in einer Alkoholsucht endete, die ihn letztendlich das Leben kostete. Ein Indiz dafür ist der Film mit dem bekannten Filmsong „über uns der Himmel“ von 1947:
Minute 1,10:
„Noch bleibt ja Hoffnung für uns genug bestehnWir fangen alle von vorne anWeil dieses Dasein auch schön sein kann“
Für Hans Albers war ein Leben in Armut im zwar zerstörten, doch immer freier werdenden Nachkriegswestdeutschland besser als ein Leben unter nationalsozialistischer Knechtschaft. Sicher hatte er trotzdem schlaflose Nächte, weil er trotz seiner ablehnenden Haltung und gewissen Teilnahme an einer Art des passiven Widerstands trotzdem Teil des Terrorregimes war, was ihn sehr mitnahm. Aber ich, der jahrelang bei der Bahn die Hand aufhielt, bin an dieser Stelle besser ruhig – und das gilt für die meisten von uns.
Am 20. September 1956 gab Willy Brandt vor dem Berliner Abgeordnetenhaus bekannt, dass der einmillionste Flüchtling aus der DDR im Notaufnahmelager Marienfelde (Tempelhof) eingetroffen sei und um politisches Asyl nachgesucht habe.
7 Jahre war der Schurkenstaat erst alt und bereits so viele Menschen sind geflohen – ein eindeutiges Zeichen, „Abstimmung mit den Füßen“. Meine Großeltern haben diesen Schritt bereits 1953 unter Lebensgefahr vollzogen und damit den Warschauer Pakt entschieden geschwächt. Leider waren es aber noch nicht genug Flüchtlinge. Wären Menschen, die seit 1945 in die SBZ kamen, aber eigentlich keinen Bezug zur Region und Politik hatten, komplett gegangen, wäre der stalinistische deutsche Staat vermutlich schon nach wenigen Jahren zusammengebrochen. Da auch nach 1956 viele Menschen in die BRD flohen, wurde 1961 die Mauer gebaut, um dem Einhalt zu gebieten. Aber wer sein Volk einsperren muss, hat als Staat versagt und jegliche Legitimität verloren. Ich für meinen Teil ziehe den Hut vor den Helden der damaligen Zeit, die durch ihren Todesmut auch der BRD dienten.
Nach der Wahl in Berlin bevorzuge ich an sich ein rot-grün-rotes Bündnis, weil es den Menschen am ehesten dient und auch dem Wählerwillen entspricht.
Allerdings erwarte ich von den Linken ein umgehendes Vorgehen gegen Clans und gegen Antisemitismus. So lange diese Probleme nicht gelöst sind, ist eine Koalition mit ihr unmöglich. Dann gibt es gerade einen kontroversen Diskurs über die Vergesellschaftung von Wohnraum. Klar ist, dass dadurch keine einzige Wohnung neu entsteht, aber staatliche Institutionen dadurch die Preise deckeln können, weswegen ich eine Vergesellschaftung von großen Unternehmen in Gegenden mit angespanntem Mietmarkt begrüße. Aber das allein reicht nicht. Es muss trotzdem neuer Wohnraum geschaffen und es müssen Anreize geschaffen werden, dass sich Menschen auch in aktuell strukturschwachen Gegenden niederlassen, damit es dort weniger Leerstand und woanders weniger Engpässe gibt.
In Mecklenburg-Vorpommern wird es, sofern es zu einer rot-rot-grünen Regierung kommt, mit der AfD nur noch eine extremistische Opposition geben, da alle demokratischen Parteien nicht mehr im Landtag vertreten oder in der Regierung sind, was fatal ist – ein weiterer Schritt in Richtung Bananenrepublik.
Darüber hinaus kann ich mich über das Scheitern der CDU an der 5%-Hürde alles andere als freuen. Es gibt im Nordosten kein konservatives Lager mehr, sondern nur noch ein Rechtes, was aus pluralistischer Sicht ebenfalls eine Katastrophe ist. Das einstige bürgerliche Lager droht bundesweit zu verschwinden, was dem Geschwür AfD hilft, sich auszubreiten. Eine Chance dem zumindest ein bisschen Einhalt zu gebietet, wäre eine konservativere Ausrichtung der Grünen im Sinne einer ökochristsozialen Politik nach dem Vorbild des Musterschwaben Cem Özdemir, was sich bisher als sehr erfolgreich bewiesen hat.
In den letzten Tagen habe ich in den Onlineausgaben privater Printmedien wie dem Münchner Merkur, Fokus und der Frankfurter Rundschau einige Artikel über Angriffspläne Russlands in Richtung NATO, massive Drohungen gegen Polen und fortschreitender Kollaboration mit Nordkorea gelesen, was mir große Sorgen macht – auch für Asien.
Darüber hinaus wurde Armenien der Gashahn zugedreht. Zwar frage ich mich, inwieweit Russland überhaupt in der Lage ist, einen erneuten Angriffskrieg zu starten. Doch selbst wenn man das nur zur Abschreckung anfängt, können die Folgen fatal sein. Und wenn man noch einen hoch militarisierten Verbündeten wie Nordkorea hat, der skrupellos ist und vor nichts zurückschreckt, ist das ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die NATO muss darum leider den Teufelskreis der Aufrüstung mitgehen und endlich wehrhaft werden. Sonst droht nicht nur Polen die Vernichtung und die Knechtschaft unter russischer Flagge. Und das will ich nicht erleben.
Marcel Kunz

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