Tierleid „made in Germany“: foodwatch kritisiert katastrophale Zustände in der deutschen Putenhaltung – Verbindliche Vorgaben längst überfällig

Die Verbraucherorganisation foodwatch kritisiert tierquälerische Zustände in der Putenmast. Während Hersteller ihre Produkte mit Versprechen wie „pro Tierwohl“ und „Spitzenqualität aus Deutschland“ bewerben, seien die allermeisten Tiere eingepfercht auf engstem Raum und erlitten dadurch schwere Krankheiten.

foodwatch fordert Bund und Länder auf, strenge Regeln für Mastputen festzulegen und klare Ziele für die Tiergesundheit einzuführen. Bundesländer wie Niedersachsen, wo knapp 40 Prozent der deutschen Putenmast stattfinden, sollten bis zu einer bundesweiten Regelung tierschutzkonforme Mindestbedingungen per Erlass vorschreiben, so foodwatch. Bisher gibt es für die Branche keinerlei verpflichtende Standards.

„Die Geflügelbranche feiert ihre Produkte als Spitzenqualität ‚made in Germany’ – doch in Wahrheit verstößt die auf Hochleistung getrimmte Putenmast gegen das Tierschutzrecht, mit katastrophalen Folgen: Jedes Jahr erleiden Millionen Puten Krankheiten wie Beinschwäche, schmerzende Fußballen-Entzündungen und Herzversagen“, kritisiert Annemarie Botzki von foodwatch.

Putenmastbetriebe orientieren sich in der Praxis bislang an selbst formulierten, unverbindlichen Eckwerten. Das Bundesverwaltungsgericht hat diese jedoch im April dieses Jahres für unzureichend und tierschutzwidrig erklärt. Trotzdem will der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) die Eckwerte laut einer Stellungnahme vom September gesetzlich festschreiben lassen. foodwatch warnt davor, den Vorschlag umzusetzen: „Die Geflügelbranche will ihre laxe Selbstverpflichtung gesetzlich verankern, um echten Tierschutz zu verhindern. Bund und Länder dürfen nicht auf dieses Lobbymanöver hereinfallen und müssen Standards setzen, die sich am Wohl der Tiere und den Erwartungen der Verbraucher:innen orientieren – und nicht an der Wunschliste der Industrie”, so Botzki.

Der ZDG will bei der Besatzdichte in Ställen Obergrenzen von 52 Kilogramm Lebendgewicht pro Quadratmeter bei Hennen und 58 Kilogramm bei Hähnen festschreiben lassen. Das entspricht am Mastende knapp fünf Hennen oder knapp drei Hähnen auf einem Quadratmeter. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hält für artgemäßes Verhalten rund 14 bis 30 Kilogramm pro Quadratmeter für nötig, nach den Eckwerten bekommen die Tiere also nicht einmal halb so viel Platz wie empfohlen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hatte Ende 2022 Grenzwerte von 35 beziehungsweise 40 Kilogramm vorgeschlagen, der ZDG nannte das damals „realitätsferne Traumtänzerei“. In Österreich sind in der konventionellen Putenmast höchstens 40 Kilogramm gesetzlich erlaubt.

Auch die Herdengrößen sind laut foodwatch problematisch: Viele der rund neun Millionen jährlich gemästeten Puten leben vermutlich in Ställen mit mehr als 5.000 Tieren. Das Bundesverwaltungsgericht hat Gruppen mit mehr als 5.000 Tieren als nicht verhaltensgerecht eingestuft.

Die tierschutzwidrige Haltung mache die Puten krank, kritisiert die Verbraucherorganisation. In einer Studie mit elf deutschen Mastbetrieben hatten am Mastende im Schnitt 72 Prozent der Puten Fußballenentzündungen und 27 Prozent Hautverletzungen. 2025 wurden bei Mastputen über 76 Tonnen Antibiotika eingesetzt, drei Prozent mehr als im Vorjahr. Der Einsatz des Reserveantibiotikums Fluorchinolon stieg um 31 Prozent auf 2,1 Tonnen. In Niedersachsen wurden seit Anfang 2025 im Zuge von Geflügelpest-Ausbrüchen 772.101 Tiere vorsorglich getötet, in einzelnen Beständen bis zu 29.000 Tiere auf einmal.

Die desolaten Zustände in den Putenmastbetrieben seien das Gegenteil von dem, was Verbraucher:innen erwarteten, kritisiert foodwatch. Dazu trage vor allem das Marketing der Branche bei: Die deutsche Geflügelindustrie bewerbe Geflügelfleisch mit groß angelegten Werbekampagnen als gesund, lecker und hochwertig – auch unter dem Slogan „Geflügel schmeckt. Made in Germany“ verbunden mit dem Versprechen, dass das „Wohl der Tiere“ für „die deutsche Geflügelfleischerzeugung oberste Priorität” habe. Auf Geflügelprodukten werben Hersteller mit Versprechen wie „Spitzenqualität“, „mehr Platz, mehr Frischluft“ oder „pro Tierwohl“. Der Geflügelkonzern Wiesenhof betont zudem die Herkunft aus Deutschland, die Aufzucht bei mehr als 1.000 Landwirten mit „großer Verantwortung“.

foodwatch fordert verbindliche Haltungsvorgaben für Mastputen: etwa deutlich geringere Besatzdichten und Herdengrößen, ausreichend Beschäftigungsmaterial und einen Außenklimabereich. Die Zucht muss sich weg von schnellem Wachstum und hohem Körpergewicht hin zu gesunden Tieren mit stabilen Beinen entwickeln. Dabei muss das routinemäßige Schnabelkürzen enden. Die Verbraucherorganisation verlangt zudem gesetzliche Zielvorgaben für die Tiergesundheit mit einem verpflichtenden Tiergesundheitsmonitoring. So etwa in Schweden und Dänemark: Dort wird seit Jahrzehnten systematisch die Fußballengesundheit von Masthühnern kontrolliert. Bei schlechten Ergebnissen müssen die Betriebe nachbessern.

Quellen und weiterführende Informationen:

 

PM foodwatch e.V.

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