Ein geerbter Ring, der längst nicht mehr zum eigenen Stil passt. Eine Kette, die seit Jahren ungetragen in der Schatulle liegt. Oder ein Edelstein, für den noch die richtige Fassung fehlt. Solche Schmuckstücke haben häufig einen hohen persönlichen Wert, auch wenn sie im Alltag kaum noch eine Rolle spielen. Was lässt sich daraus machen? Diese Frage gehört zu den interessantesten Aufgaben im Goldschmiedehandwerk. Sie verlangt gestalterisches Gespür, Materialkenntnis und manchmal auch den Mut, eine vertraute Form grundlegend zu verändern.
Mit solchen Aufgaben beschäftigt sich das Goldschmiedeatelier in Stuttgart, das Goldschmiedemeisterin Marion Schäfer seit 2005 in der Olgastraße 35 führt. Gemeinsam mit ihrem Team fertigt sie individuellen Schmuck, gestaltet Trau- und Verlobungsringe und arbeitet vorhandene Stücke um. Der persönliche Austausch spielt dabei eine wichtige Rolle. Schließlich muss eine Gestaltung am Ende zu dem Menschen passen, der sie trägt.
Ein eigener Betrieb nach vielen Jahren Berufserfahrung
Marion Schäfers Weg in die Selbstständigkeit begann lange vor der Eröffnung ihres Ateliers. Von 1982 bis 1986 absolvierte sie ihre Goldschmiedelehre und besuchte die Berufsfachschule in Schwäbisch Gmünd. Anschließend sammelte sie während ihrer Gesellenwanderjahre Erfahrungen in drei verschiedenen Ateliers. Eine prägende Zeit, denn unterschiedliche Werkstätten vermitteln auch unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Schmuck gestaltet und handwerklich umgesetzt werden kann.
Es folgten die Ausbildung zur staatlich geprüften Gestalterin an der Goldschmiedeschule Pforzheim und 1994 der Meisterabschluss. Zehn Jahre arbeitete Schäfer anschließend bei einem Stuttgarter Juwelier, bevor sie 2005 ihr eigenes Atelier eröffnete. Bereits fünf Jahre später erweiterte sie den Betrieb um benachbarte Geschäftsräume.
Im Oktober 2025 konnte Schäfer auf zwei Jahrzehnte Selbstständigkeit zurückblicken. Wie anspruchsvoll der Aufbau eines eigenen Betriebs war, schilderte sie damals in einem Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung. Die Anfangsjahre hätten ihr viel abverlangt. An ihrer Entscheidung für das eigene Atelier würde sie dennoch festhalten.
Heute arbeitet sie mit einem Team aus ausgebildeten Goldschmiedinnen. Die Verbindung aus gestalterischer Ausbildung, langjähriger Werkstattpraxis und direktem Kundenkontakt prägt die Ausrichtung des Betriebs.
Wie aus einer Vorstellung ein Schmuckstück wird
Die Gestaltung eines individuellen Schmuckstücks beginnt mit einer Reihe von Entscheidungen. Soll ein Edelstein im Mittelpunkt stehen oder die Form des Metalls? Welche Proportionen wirken stimmig? Und wie verändert sich die Wirkung, wenn statt Gelbgold ein kühleres Weißgold oder Platin verwendet wird?
Im Atelier werden solche Fragen gemeinsam mit den Kunden besprochen. Bei aufwendigeren Anfertigungen können zunächst Zeichnungen oder Wachsmodelle entstehen. Dadurch lassen sich Proportionen überprüfen und Details verändern, bevor die eigentliche Fertigung beginnt.
Marion Schäfers besondere Vorliebe gilt Diamanten, Brillanten, Farbedelsteinen und Perlen. Für deren Verarbeitung braucht es Erfahrung: Eine Fassung muss den Stein sicher halten und zugleich seine optischen Eigenschaften berücksichtigen. Auch die Auswahl des Edelmetalls beeinflusst das Ergebnis. Je nach Material unterscheiden sich unter anderem Farbwirkung, Gewicht und Bearbeitungsmöglichkeiten.
Neben den Eigenanfertigungen bietet das Atelier Schmuck verschiedener Manufakturen an. Dazu zählen beispielsweise Hesse & Co. mit seinem Schwerpunkt auf Perlschmuck sowie die Diamond Group. Damit umfasst das Sortiment sowohl Arbeiten aus der eigenen Werkstatt als auch ausgewählte Kollektionen anderer Hersteller.
Trauringe: Warum die Anprobe entscheidend sein kann
Trau- und Verlobungsringe gehören zu den Schwerpunkten des Stuttgarter Ateliers. Gerade bei Trauringen ist der gestalterische Spielraum größer, als es auf den ersten Blick scheint. Schon kleine Unterschiede bei Breite, Profil oder Oberflächenstruktur können die Wirkung und das Tragegefühl erheblich verändern.
Ein breiter Ring kann optisch überzeugen und sich im Alltag dennoch ungewohnt anfühlen. Auch die Form der Innenseite spielt eine Rolle. Deshalb genügt es bei der Auswahl kaum, einen Ring lediglich kurz anzuprobieren.
Eine Besonderheit bei Marion Schäfer ist die Möglichkeit, Trauringe vor der Gravur probeweise zu tragen. So lässt sich besser beurteilen, welche Ringgröße im Alltag angenehm ist. Das ist durchaus sinnvoll, denn Finger können im Tagesverlauf oder bei unterschiedlichen Temperaturen leicht anschwellen.
Paare können zwischen vorhandenen Modellen wählen oder individuelle Ringe anfertigen lassen. Für die Planung empfiehlt das Atelier eine Vorlaufzeit von mindestens sechs Wochen, bei ausgefalleneren Gestaltungswünschen mindestens acht Wochen. So bleibt ausreichend Zeit für Beratung, Fertigung und mögliche Anpassungen.
Wie viel Veränderung verträgt ein Erbstück?
Besonders anspruchsvoll wird die Goldschmiedearbeit, wenn vorhandener Schmuck umgestaltet werden soll. Ein geerbter Ring lässt sich schließlich nicht allein nach seinem Materialwert beurteilen. Vielleicht erinnert er an einen bestimmten Menschen, an eine Familiengeschichte oder an einen besonderen Anlass.
Bei einer Umarbeitung geht es deshalb zunächst darum, die Möglichkeiten des vorhandenen Materials zu prüfen. Welche Steine können weiterverwendet werden? Lässt sich die ursprüngliche Fassung erhalten? Oder wäre eine völlig neue Gestaltung sinnvoller?
Dass dabei ungewöhnliche Wünsche entstehen können, verdeutlicht eine Begebenheit, von der Marion Schäfer 2025 in der Stuttgarter Zeitung berichtete. Eine Kundin wollte nach dem Tod ihres Pferdes ein persönliches Erinnerungsstück anfertigen lassen. Schäfer verarbeitete dafür mitgebrachtes Pferdehaar zu einem Schmuckstück.
Auch im Fernsehen war ihre Arbeit mit persönlichen Erinnerungsstücken bereits zu sehen. In der SWR-Sendung „Die Scheune“ wurde gezeigt, wie aus wertvollen Edelsteinen aus Familienbesitz ein neuer Ring entsteht.
Solche Arbeiten machen deutlich, weshalb die Beratung bei Umarbeitungen besonders wichtig ist. Die handwerklich mögliche Lösung muss schließlich auch den Vorstellungen des Besitzers entsprechen. Häufig ist es gerade die behutsame Veränderung, die einem lange ungetragenen Schmuckstück wieder einen Platz im Alltag verschafft.
Reparaturen als fester Bestandteil der Werkstattarbeit
Neben Neuanfertigungen und Umarbeitungen übernimmt das Team klassische Reparatur- und Restaurationsarbeiten. Dazu gehören Ringweitenänderungen, das Verlängern oder Kürzen von Colliers sowie das Neuaufziehen von Perl- und Steinketten. Auch beschädigte Fassungen werden bearbeitet und fehlende Steine nach Möglichkeit ersetzt.
Gerade bei regelmäßig getragenem Schmuck lohnt sich eine fachkundige Kontrolle. Fassungen können sich mit der Zeit abnutzen, Verschlüsse an Sicherheit verlieren. Werden solche Veränderungen früh erkannt, lassen sich größere Schäden oder der Verlust eines Steins unter Umständen vermeiden.
Welche Reparatur sinnvoll und wirtschaftlich vertretbar ist, hängt allerdings vom jeweiligen Schmuckstück ab. Deshalb werden Material und Zustand zunächst begutachtet. Erst anschließend lassen sich Aufwand, Kosten und ein realistischer Zeitrahmen einschätzen.
Dass diese Arbeiten unmittelbar im Atelier stattfinden, ist ein wichtiger Bestandteil des Betriebskonzepts. Werkstatt und Ladengeschäft befinden sich am selben Standort. Auch die Mitgliedschaft in der Stuttgarter Goldschmiedeinnung und im Zentralverband deutscher Gold- und Silberschmiede unterstreicht Schäfers berufliche Verwurzelung im Handwerk.
Ein Atelier mit einer klaren gestalterischen Haltung
Mehr als zwanzig Jahre nach seiner Gründung hat sich das Goldschmiedeatelier Marion Schäfer einen festen Platz in der Stuttgarter Innenstadt erarbeitet. Die Arbeit reicht von kleinen Änderungen an vertrauten Schmuckstücken bis zu aufwendigen Einzelanfertigungen aus hochwertigen Edelmetallen und Edelsteinen.
Bemerkenswert ist dabei die Bandbreite der Aufträge. Ein individuell gestalteter Verlobungsring verlangt andere Entscheidungen als die Umarbeitung eines jahrzehntealten Familienerbstücks. In beiden Fällen kommt es darauf an, die Wünsche der Kunden in eine tragbare und handwerklich überzeugende Form zu übersetzen.
Für Marion Schäfer ist Schmuckgestaltung damit eine Aufgabe, bei der technische Präzision und persönliche Vorstellungen eng zusammengehören. Die Ergebnisse können ganz unterschiedlich ausfallen. Entscheidend ist, dass aus der ursprünglichen Idee ein Schmuckstück entsteht, das tatsächlich getragen wird – vielleicht sogar über viele Jahre hinweg.
Foto von Tima Miroshnichenko auf Pexels
PM