Meine erste große Reise führte mich im Jahr 1970 auch in den Kongo, nach Matadi. Ich war damals ein blutiger Anfänger, hatte aber eine große Klappe und war fest davon überzeugt, über alles Bescheid zu wissen.
In Matadi war Landgang angesagt. Tanzen, feiern und kongolesisches Primus-Bier genießen – so lautete der Plan. Die kongolesische Währung, die wir in unseren Taschen hatten, war schnell verprasst. Doch das war für uns kein Problem. Schließlich wusste man sich als junger Seemann zu helfen.
Am nächsten Tag standen bereits die fliegenden Händler mit allerlei Waren an der Gangway. Sie boten alles Mögliche an, und natürlich durfte auch einer nicht fehlen, der uns „echte Rohdiamanten“ verkaufen wollte.
Die angeblich wertvollen Steine waren in kleinen, verplombten Glasröhrchen verstaut. Ein amtlich wirkendes Etikett verlieh der Sache einen seriösen Anstrich und wirkte ausgesprochen verkaufsfördernd.
Da war sie also, die einmalige Gelegenheit, schnell zu Reichtum zu kommen!
Ohne lange zu überlegen, wurde alles zusammengetragen, was sich irgendwie zu Geld machen ließ. Das letzte Bargeld, ein Kofferradio, Kleidungsstücke und weitere Habseligkeiten wechselten den Besitzer. Dafür erhielt ich meine vermeintlichen Schätze: echte Rohdiamanten aus Matadi!
Ich war überzeugt, ein hervorragendes Geschäft gemacht zu haben. Schließlich konnte man als zukünftiger Diamantenbesitzer nicht alles falsch machen.
Der reiche Seemann kommt nach Hause
Unsere Reise führte uns anschließend weiter nach Angola und auf derselben Strecke wieder zurück. Als wir schließlich in Bremen ankamen, ging es für mich in den wohlverdienten Urlaub.
Mit dem Zug fuhr ich über Köln nach Stuttgart. Nach einer durchzechten Nacht ging es weiter nach Schwäbisch Gmünd.
Sparsamkeit war für mich zu diesem Zeitpunkt kein Thema. Warum auch? Ich war ja schließlich ein reicher Diamantenbesitzer!
Schnell war ich im damaligen Hotel Krone am Marktplatz einquartiert. Ein paar Stunden Schlaf mussten reichen. Schließlich gab es einiges zu erledigen. Freundinnen und Freunde wurden zusammengerufen, denn der Seefahrer war wieder da und wollte seinen Urlaub genießen.
Als vermeintlich reicher Diamantenbesitzer verstand es sich von selbst, dass ich große Partys in passenden Lokalen organisierte und selbstverständlich auch bezahlte.
Geld spielte schließlich keine Rolle – zumindest in meiner Vorstellung.
Die Feste waren ausgelassen, die Stimmung prächtig und die Tage vergingen wie im Flug. Meine Freundinnen und Freunde hatten ihren Spaß, und ich genoss es, den großzügigen Gastgeber zu spielen.
Dass mein tatsächlicher Kontostand langsam bedenkliche Ausmaße annahm, wollte ich zunächst nicht wahrhaben. Schließlich wartete irgendwo in meinem Gepäck ein kleines Vermögen auf mich.
Doch irgendwann holte mich die Wirklichkeit ein. Mein Geld war nahezu aufgebraucht, und obendrein wollte der Hotelier nun die Zwischenrechnung begleichen lassen.
Jetzt musste etwas geschehen!
Die große Stunde der Wahrheit
Gezwungenermaßen machte ich mich auf den Weg zu einem kleinen Schmuckgeschäft, das sich neben meiner damaligen Stammkneipe befand.
Dort legte ich voller Stolz meine vermeintlich wertvollen Rohdiamanten auf den Tisch.
Der Inhaber nahm die Steine unter die Lupe und untersuchte sie eingehend. Zusätzlich machte er sich mit einer Flüssigkeit an ihnen zu schaffen.
Ich beobachtete jede seiner Bewegungen mit wachsender Anspannung. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Tausende Deutsche Mark! Vielleicht sogar noch mehr! Was würde ich mit dem ganzen Geld anfangen? Die nächsten Reisen wären jedenfalls gesichert, und auch im Urlaub müsste ich mir keine Sorgen mehr machen.
Dann war der Schmuckhändler mit seiner Untersuchung fertig.
Er blickte mich an, grinste und stellte mir eine Frage, die ich bis heute nicht vergessen habe:
„Was soll das sein – Diamanten?“
Dann folgte die vernichtende Wahrheit:
„Junge, das sind Quarzsteine. Die sind wertlos!“
In diesem Augenblick brach meine schöne Welt zusammen. Aus dem vermeintlich reichen Diamantenbesitzer war innerhalb weniger Sekunden wieder ein ganz gewöhnlicher, völlig abgebrannter Seemann geworden.
Die Rohdiamanten aus Matadi hatten sich als wertlose Quarzsteine entpuppt. Mein ganzes Vermögen bestand aus einem kleinen Glasröhrchen voller Steine, die nicht einmal das Papier wert waren, auf dem meine Träume gebaut hatten.
Wenn der Urlaub zum Abenteuer wird
Nun nahm das Unglück seinen Lauf.
Die Hotelrechnung konnte ich nicht bezahlen. Für die Rückfahrt hatte ich ebenfalls kein Geld mehr. Und mein nächstes Schiff würde erst in den kommenden Tagen in Bremen festmachen.
Ich saß also fest – ohne Geld, ohne wertvolle Diamanten und mit einem gewaltigen Schlamassel am Hals.
Doch die Geschichte nahm schließlich ein recht schnelles Ende. Nach einem Telefonat mit meiner Reederei wurden sämtliche noch offenen Kosten vorgestreckt und direkt mit dem Hotelbesitzer abgerechnet.
Auch die Rückfahrkarte wurde unmittelbar mit der Deutschen Bundesbahn geregelt.
So konnte ich schließlich meine Heimreise antreten.
Bettelarm, aber um eine Erfahrung reicher – und mit einem Röhrchen voller Quarzsteine im Gepäck.
Reich an Erinnerungen, arm an Bargeld
Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, muss ich trotz allem schmunzeln.
Der Urlaub war nämlich großartig gewesen. Die Partys hatten gekracht, die Stimmung war hervorragend, und meine Freundinnen, meine Freunde und auch ich hatten jede Menge Freude an den täglichen Feiern.
Dass ich mich dabei finanziell völlig übernommen hatte, war eine andere Geschichte. Ich war jedenfalls um eine wichtige Erfahrung reicher geworden – auch wenn mein Geldbeutel das genaue Gegenteil widerspiegelte.
Ein wenig ruhiger war ich danach schon geworden. Vor allem aber war ich absolut blank.
Bei meinen nächsten Reisen sah die Sache dann anders aus. Landgänge wurden mit größerer Vorsicht angegangen, und um die fliegenden Händler machte ich fortan lieber einen großen Bogen.
Das Vertrauen in angebliche Schnäppchen und fantastische Geschäfte hatte doch erheblich gelitten.
Aber eines muss ich ganz deutlich festhalten: Es war eine abenteuerliche, verrückte und unbeschwerte Zeit in meinen jungen Jahren, die ich um keinen Preis missen möchte.
Die Rohdiamanten aus Matadi waren zwar keinen Pfennig wert. Doch die Geschichte, die ich mit ihnen erlebt habe, ist für mich bis heute unbezahlbar.
Und manchmal frage ich mich noch immer, ob der Händler damals wohl geahnt hat, wie teuer mich seine wertlosen Quarzsteine zu stehen kommen würden.
Eines steht jedenfalls fest: Reich geworden bin ich mit ihnen nicht.
Aber eine Geschichte, die ich noch Jahrzehnte später erzählen kann, habe ich dafür bekommen.
Und die ist mehr wert als jeder Diamant
Alfred Brandner