Viele in Baden-Württemberg lieben die Streuobstwiesen als Naherholungsgebiet. Der Herbst ist eine der besten Jahreszeiten, um die Vielfalt der Natur dort zu erleben. Rund 3.000 verschiedene Obstsorten gibt es dabei zu entdecken. Als Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Pilze sind Streuobstwiesen einmalig und besonders artenreich. Doch ohne regelmäßige Pflege von Wiesen und Bäumen geht ihr Artenreichtum verloren.
Nach dem Vorbild von Hochstamm Suisse ermöglich ein neues Qualitätszeichen für Streuobstprodukte von hochstämmigen Obstwiesen nun, Produkte klar zu kennzeichnen – damit sich die Pflege wieder mehr bezahlt macht: „Wo das Streuobstsiegel zukünftig draufsteht, ist zu 100 Prozent Streuobst drin“, freut sich Ingrid Eberhardt-Schad, Naturschutzexpertin beim NABU Baden-Württemberg. „Verbraucherinnen und Verbraucher können sich bundesweit künftig darauf verlassen, dass das Obst für Säfte, Trockenobst, Brände oder Marmeladen mit diesem Markenzeichen von regionalen, pestizidfrei bewirtschafteten Streuobstwiesen mit Hochstämmen stammt. Das ist gut für die Artenvielfalt und sorgt für Transparenz und qualitätsvolle Produkte“, so Eberhardt-Schad. Neben dem NABU sind die Naturschutzverbände BUND und LNV Mitglied von Hochstamm, und haben die Entwicklung des Siegels dort unterstützt.
Hilfe für seltene Vogelarten
Der NABU mit seinen rund 230 lokalen Gruppen in Baden-Württemberg und vielen Ehrenamtlichen engagiert sich seit Jahrzehnten in der Streuobstpflege und teilweise auch in der Vermarktung von Streuobstprodukten mit der Bezahlung von höheren Preisen. Viele NABU-Gruppen mähen Wiesen, schneiden und pflanzen Bäume, entfernen Misteln und verwerten die Früchte. Sie helfen so gefährdeten Arten wie Wiedehopf und Wendehals, einen Brutplatz zu finden und montieren Nistkästen, wo es keine natürlichen Höhlenbäume mehr gibt. Für die NABU-Aktiven sowie für andere Bewirtschafter kann das Streuobstzeichen nun zum Helfer bei der Vermarktung werden. „Wir hoffen, dass möglichst viele Streuobstbetriebe, Keltereien und Initiativen jetzt ihre Produkte mit dem 100%-Streuobst-Zeichen zertifizieren lassen, damit es zum Qualitätssymbol im Ladenregal wird. So können wir alle beim Einkaufen den Erhalt dieses einzigartigen Lebensraums unterstützen.“
Ehrung für langjähriges Engagement
Seit Jahrzehnen setzt sich auch Martina Hörmann intensiv für den Schutz der Streuobstwiesen ein und wurde jetzt dafür mit der Staatsmedaille in Gold des Landes Baden-Württemberg geehrt. „Der NABU gratuliert Martina Hörmann ganz herzlich zu dieser hochverdienten Auszeichnung. Danke für die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit“, so die stellvertretende NABU BW-Geschäftsführerin Eberhardt-Schad. Hörmann hat unter anderem den landesweiten Streuobsttag ins Leben gerufen und als langjährige Vorsitzende des Vereins Hochstamm Deutschland gemeinsam mit dem NABU und anderen Umweltverbänden die Anerkennung des Streuobstbaus als Immaterielles Kulturerbe vorangetrieben. Auch das Thema gute Preise für Produkte aus artenreichen Streuobstwiesen war ihr, genau wie dem NABU-Bundesfachausschuss Streuobst, von Anfang an ein Herzensanliegen.
Streuobst gehört zum Südwesten
Seit 2020 schützt das Biodiversitätsstärkungsgesetz Flächen ab einer Größe von 1.500 Quadratmetern besser vor Bebauung. Zudem fördert das Land bis 2028 den Baumschnitt mit 18 Euro je Baum ab dem dritten Standjahr. Doch vielen Streuobstbesitzenden wächst die körperliche Arbeit auf ihrem Wiesle über den Kopf. „Immer mehr Streuobstwiesen verbuschen, es fehlt an Nachpflanzungen und fachgerechter Wiesenpflege, um die Blütevielfalt zu erhalten“, sagt Eberhardt-Schad. Umso wichtiger sei ein auskömmlicher Obstpreis. Die meisten Mostereien bezahlen dieses Jahr 12 bis 20 Euro pro Doppelzentner Obst, der NABU fordert seit Jahren einen Preis von 25 Euro pro 100 Kilo. Dies ist nur möglich, wenn auch die Nachfrage nach Streuobstprodukten stimmt. Hier braucht es auch ein starkes Engagement des Landes, ist der NABU überzeugt: „Streuobstwiesen gehören zum Markenkern Baden-Württembergs – sie zu erhalten, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Streuobstprodukte sollten daher zumindest bei jedem Empfang und in jeder Kantine des Landes, aber auch bei Unternehmen und Menschen zuhause selbstverständlich sein“, betont Eberhardt-Schad.
Hintergrund:
In Baden-Württemberg liegen mit rund 89.000 Hektar die größten zusammenhängenden Streuobstflächen Europas. Für die biologische Vielfalt sind sie von unschätzbarem Wert und geben, fachgerecht gepflegt, unzähligen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten eine Heimat. Darunter sind viele Insekten, die von der Pflanzenvielfalt in den Streuobstwiesen leben, seltene Vogelarten wie Wendehals oder Steinkauz, Fledermäuse, Flechten und Pilze sowie die vielfältigen Obstsorten selbst. Schafe bewahren viele Wiesen vor dem Verbuschen und schützen so die Artenvielfalt.
Weitere Infos zum Thema: www.NABU-BW.de/streuobst
Link zum Label 100% Streuobst (Seite im Aufbau): www.hundertprozentstreuobst.de
Foto von NABU/Uwe Prietzel
PM NABU Baden-Württemberg