Rückläufige Exporte in die USA unterstreichen die Bedeutung verlässlicher Handelspartner – Kanada bietet Chancen für neue Absatzmärkte und stärkere Lieferketten

Wenige Tage vor den US-Kongresswahlen und mit Blick auf den EU-Kanada-Gipfel in Montreal fordert der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) mehr Tempo bei der Erschließung neuer Absatzmärkte und der Stärkung verlässlicher Handelspartnerschaften. Hintergrund sind die anhaltenden handelspolitischen Unsicherheiten im US-Geschäft. Von Januar bis August 2026 exportierten die baden-württembergischen Unternehmen Waren im Wert von 21,3 Milliarden Euro in die USA. Das sind gut zwei Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2025, aber satte zehn Prozent weniger als in der gleichen Zeitspanne 2024, in der es noch keine Trumpsche Zollpolitik gab.

Zwar haben sich die Exporterwartungen der Unternehmen zuletzt etwas aufgehellt: Laut der aktuellen BWIHK-Konjunkturumfrage vom Herbst rechnen 38 Prozent mit steigenden Ausfuhren in die USA, während 21 Prozent einen Rückgang erwarten. Doch die Aussichten für das US-Geschäft bleiben schwer kalkulierbar.

„Die USA sind und bleiben unser wichtigster einzelner Exportmarkt. Aber unsere Unternehmen dürfen nicht vom politischen Kurs eines einzelnen Landes abhängig sein“, sagt Claus Paal, Vizepräsident des BWIHK und Präsident der IHK Region Stuttgart. „Auch ein verändertes Kräfteverhältnis nach den US-Midterms würde nicht automatisch zu einem Abbau bestehender Zölle führen. Unsere Unternehmen brauchen langfristig verlässliche Rahmenbedingungen und offene Märkte. Deshalb muss Europa seine wirtschaftlichen Partnerschaften stärken und neue Märkte erschließen. Der EU-Kanada-Gipfel kommt dafür zur richtigen Zeit.“

Kanada gewinnt als Absatzmarkt an Bedeutung

Welche Chancen in einer engeren Zusammenarbeit liegen, zeigt die Entwicklung des Handels mit Kanada. Baden-Württemberg exportierte von Januar bis August 2026 Waren im Wert von rund 1,6 Milliarden Euro in das nordamerikanische Land – knapp acht Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Kanada lag damit auf Rang 22 der wichtigsten Absatzmärkte Baden-Württembergs. Besonders gefragt waren Kraftwagen und Kraftwagenteile mit einem Anteil von 32 Prozent, Maschinen mit 31 Prozent sowie pharmazeutische Erzeugnisse mit acht Prozent.

Für die exportorientierte Südwestwirtschaft ergeben sich daraus vielfältige Anknüpfungspunkte. Neben der Automobilindustrie und dem Maschinenbau bietet Kanada Potenziale bei kritischen Rohstoffen, Batterietechnologien, Wasserstoff, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz.

EU-Kanada-Gipfel muss konkrete Ergebnisse bringen

Beim EU-Kanada-Gipfel am 29. und 30. Oktober in Montreal soll die wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter vertieft werden. Auf der Agenda stehen unter anderem der digitale Handel, die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sowie gemeinsame Technologie- und Innovationsprojekte. Geplant ist unter anderem eine Vereinbarung zwischen Kanada und der Europäischen Investitionsbank (EIB), die Investitionen in kritische Rohstoffe erleichtern und Lieferketten stärken soll. „Der Gipfel muss mehr bringen als gute Absichtserklärungen“, fordert Paal. „Wir brauchen weniger Handelshemmnisse, einen besseren Zugang zu kritischen Rohstoffen und eine engere Zusammenarbeit bei Zukunftstechnologien. Entscheidend ist, dass die Unternehmen davon auch im Alltag profitieren – durch einfachere Marktzugänge, weniger Bürokratie und verlässliche Bedingungen für Investitionen. Gerade für unseren Mittelstand muss sich die engere Partnerschaft mit Kanada auszahlen.“

Eine wichtige Grundlage bietet bereits das Handelsabkommen CETA, das seit 2017 vorläufig angewendet wird. Es erleichtert den Marktzugang, reduziert Zölle und verbessert den Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen. Seit Beginn der vorläufigen Anwendung ist der Warenhandel zwischen der EU und Kanada um mehr als 75 Prozent gestiegen.

Kanada kann den US-Markt aufgrund seiner Größe zwar nicht ersetzen. Eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit kann aber dazu beitragen, Absatzmärkte zu diversifizieren, Lieferketten widerstandsfähiger zu machen und neue Wachstumsmöglichkeiten für die Unternehmen im Südwesten zu erschließen. Der BWIHK-Vizepräsident: „Unabhängig vom Ausgang der US-Kongresswahlen muss Europa seine Handelspolitik aktiv gestalten und unseren Unternehmen langfristig verlässliche Perspektiven bieten.“

Hintergrund:

Handelshemmnisse trotz CETA

Seit dem vorläufigen Inkrafttreten des Freihandelsabkommens CETA im September 2017 wurden die Zölle zwischen der EU und Kanada weitgehend abgebaut. Dennoch bestehen weiterhin Handelshemmnisse, insbesondere durch unterschiedliche Sicherheitsanforderungen, technische Standards und regulatorische Vorgaben. So verursachen etwa neue Kunststoff- und Verpackungsmeldepflichten in Kanada zusätzlichen bürokratischen Aufwand für Unternehmen. Viele dieser Hürden lassen sich durch Freihandelsabkommen allein nicht beseitigen. Das Potenzial von CETA ist daher noch nicht vollständig ausgeschöpft.

Unterstützung beim Einstieg in den kanadischen Markt bietet seit November 2025 die Wirtschaftsrepräsentanz Baden-Württembergs in Toronto. Sie wird von der AHK Kanada betreut und begleitet insbesondere mittelständische Unternehmen beim Markteintritt und beim Aufbau von Innovationspartnerschaften

Der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) ist eine Vereinigung der zwölf baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern (IHKs). In Baden-Württemberg vertreten die zwölf IHKs die Interessen von mehr als 650.000 Mitgliedsunternehmen. Zweck des BWIHK ist es, in allen die baden-württembergische Wirtschaft und die Mitgliedskammern insgesamt betreffenden Belangen gemeinsame Auffassungen zu erzielen und diese gegenüber der Landes-, Bundes- und Europapolitik sowie der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und anderen Institutionen zu vertreten.

 

PM Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag

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