Slow Food: Kann die „nachhaltige Verwendung von Pestiziden” wirklich nachhaltig sein? Die öffentliche europäische Konsultation ist die letzte Chance, um verbindliche Ziele zu fordern

Die EU überarbeitet derzeit die Richtlinie zur Nachhaltigen Verwendung von Pestiziden, die 2014 verabschiedet wurde, um die Risiken und Auswirkungen der Verwendung von Pestiziden auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu verringern. Darüber hinaus soll die Richtlinie integrierten Pflanzenschutz und alternative nicht-chemische Ansätze oder Techniken zum Einsatz von Pestiziden in Europa fördern.

Bei einer Überprüfung der im Rahmen dieser Richtlinie erfolgten Fortschritte kam die Europäische Kommission zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Mitgliedsstaaten es nicht geschafft hat, eine nachhaltige Verwendung von Pestiziden zu fördern und die in der Richtlinie vorgegebenen Anforderungen zu erfüllen. Betrachtet man die Daten der FAO, so sieht die Lage besorgniserregend aus: 2017 wurden in Italien auf jedem Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche durchschnittlich 6,1 kg Pestizide verwendet, das entspricht insgesamt 56.641 Tonnen. Frankreich und Spanien verbrauchen im Durchschnitt die Hälfte (3,6 kg pro Hektar), in Deutschland liegt der Wert bei 4 kg pro Hektar – was jedoch alles bei Weitem zu viel ist.

«Die Überprüfung der Richtlinie zur Nachhaltigen Verwendung von Pestiziden ist die beste, und wahrscheinlich die einzige Gelegenheit, endlich verbindliche Ziele aufzustellen, um den Einsatz von synthetischen Pestiziden zu verringern. Der europäische Grüne Deal und die Strategie „Vom Hof auf den Tisch” sehen eine Reduzierung der Verwendung von Pestiziden und der damit verbundenen Risiken um 50% bis 2030 vor. Wir sollten aber lautstark die Forderungen bekräftigen, die eine halbe Million EU-Bürger mit ihrer Unterstützung der Europäischen Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten” geäußert haben: eine Reduzierung des Pestizideinsatzes um 80% bis 2030 und ein vollständiger Ausstieg bis 2035. Um diesen vollständigen Ausstieg zu schaffen, müssen wir für jeden Mitgliedsstaat Mindestbeiträge festsetzen; wir müssen die Datenerhebung zum Pestizideinsatz von Landwirten verbessern sowie Agrarökologie und die Verwendung von Alternativen zu synthetischen Pestiziden fördern“, so Marta Messa, Leiterin von Slow Food Europa. «Slow Food betont, wie wichtig es ist, die Verwendung von Pestiziden so stark wie möglich zu begrenzen, angefangen bei der Abschaffung ihres präventiven Einsatzes in der Landwirtschaft, aber auch im Gartenbau und in der Forstwirtschaft. Integrierter Pflanzenschutz sollte für Landwirte verpflichtend werden. Gleichzeitig muss der Übergang zur Agrarökologie unterstützt und Betriebsführungssysteme gefördert werden, die darauf abzielen, die Symbiose zwischen Bienen und Landwirtschaft wiederherzustellen. Die Alternativen zu Pestiziden dürfen natürlich keine GVOs oder neue GVOs enthalten, die ein Landwirtschaftsmodell replizieren, das auf Monokulturen und industrieller Landwirtschaft basiert und gleichzeitig eine Gefahr für die Biodiversität und die Souveränität der Landwirte darstellt», so Messa weiter.

Im Rahmen der Überprüfung dieser Richtlinie hat die Europäische Kommission online eine öffentliche Konsultation gestartet, um herauszufinden, was europäische Bürger und Organisationen als beste Wege zur Reduzierung des Pestizideinsatzes in der EU sehen. Bis 12. April kann sich unter folgendem Link jeder zu Wort melden.

Die EU muss dringend den Übergang zu einem bienenfreundlichen Landwirtschaftsmodell fördern, das in der Lage ist, die biologische Vielfalt der Agrarlandschaften zu erhalten und künftig Nachhaltigkeit zu garantieren. Jahrzehntelange Industrialisierung unseres Landwirtschafts- und Lebensmittelsystems trugen wesentlich zum drastischen Rückgang der Artenvielfalt und der Anzahl von Bestäubern bei, verschlimmerten die Verschmutzung unserer Böden und Gewässer und erhöhten die  Chemikalienbelastung in europäischen Lebensmitteln. Auf globaler Ebene sind über 40% von wirbellosen Bestäuberarten vom Aussterben bedroht, was eine Bedrohung für das Gleichgewicht der Ökosysteme und die davon abhängigen Leistungen für die menschliche Gesellschaft darstellt. In Europa ist fast die Hälfte aller Insektenarten stark rückläufig, ein Drittel ist vom Aussterben bedroht. Darüber hinaus sind 9% aller Bienen- und Schmetterlingsarten vom Aussterben bedroht, 37% der wilden Bienenpopulation ist stark rückläufig und der Rückgang der Schmetterlingspopulationen beträgt schon 31% (Rote Liste der europäischen Bienen und Rote Liste der europäischen Schmetterlinge, IUCN 2015). Zahlreiche wissenschaftliche Forschungen, die Europäische Kommission und der Europäische Rechnungshof haben die Verwendung von chemischen Pestiziden in der Landwirtschaft als eine der Hauptursachen für diesen dramatischen Rückgang identifiziert.

«Europa braucht diversifizierte agrarökologische Lebensmittelsysteme, basierend auf Agrarbiodiversität im Landbau. Die Abhängigkeit von externem Input muss verringert, dafür soziale Beziehungen der Akteure untereinander angeregt und Lieferketten verkürzt werden, um auf lange Sicht gesunde Agrarökosysteme aufzubauen und eine sichere Lebensgrundlage zu schaffen. Das wird maßgeblich dafür sein, die Landwirte bei der Umsetzung bienenfreundlicher Landwirtschaftspraktiken zu unterstützen und es wirtschaftlich interessant zu machen, Agrarökologie und integrierten Pflanzenschutz anzuwenden», schließt Messa. Die nächsten Jahre sind ausschlaggebend dafür, unsere Landwirtschaft zu verändern, um die Ziele des Grünen Deals zu erreichen.

Wenn Sie mehr über unsere Position zur neuen EU-Strategie „Vom Hof auf den Tisch” und zur EU-Biodiversitätsstrategie erfahren möchten, klicken Sie hier.

 

PM Slow Food International

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://filstalexpress.de/politik/120239/

Kommentar verfassen