Der Glasmacher

Extravagant – oder ticken wir nicht alle ein wenig anders. Ich war schon immer besessen, nicht vom erlernten Glasmacherberuf, dafür von der Seefahrt, dem Kampfsport, der Notfallmedizin und dem Fahrspaß auf zwei Rädern. Glasmacher, Seemann, Rettungsfachkraft, Erfinder, Fachlehrer, Kampfsportler und Dozent in der Gewaltprävention, dass sind und waren meine markantesten Aufgabengebiete in 45 Jahren Arbeitsleben. Meinen letzten hauptberuflichen Arbeitsplatz, in der Göppinger Notfallrettung, habe ich 2015 verlassen.

Aber wie zuvor in alten Zeiten – ich bin stets aktiv. Doch jetzt erst im Nachhinein, und nach Jahrzehnten, habe ich die spannende und bildende Kunst in der Berufswelt, der Glasmacher erkannt. Ich lebe in der einstigen Glasmacherstadt Schwäbisch Gmünd, und habe in den sechziger Jahren den Beruf des Glasmachers erlernt und ausgeübt. Nicht ganz freiwillig, aber ich habe es getan. Glasmacher war ein ehrbarerer und gut bezahlter Beruf in dieser Zeit. In zwei großen Glashütten wurde produziert und veredelt. Die Ludwig Breit Wiesenthalhütte, und die WMF als praktische Schulungsstätte waren die Orte meines Wirkens. Kaier, Kölbelmacher, Einbläser und Anfänger – das waren meine Betätigungsfelder. Produziert wurden in meinem Betätigungsfeld sogenanntes Gebrauchs, bzw. Hohlglas, Lampenschirme, Bodenvasen, und gelegentlich auch Fenster- Farbglas für Kirchen. Auffällig, und für mich als damals „Halbstarken“ eher gewöhnungsbedürftig, war der Sachverhalt, dass sich unter den Glasmachern, gleich früh am Morgen, und während der Arbeit, Gesangsgruppen bildeten: „Ein Glasmacherleben, das heißt ja früh aufstehen… wenn die Anderen schlafen, müssen wir schon schaffen, am Hebertrog stehen und Glas umdrehen“ so lautete der Anfang vom Liedtext, nahezu täglich, und nicht zu überhören..

Doch nachts wenn alles schläft, mussten sie schon bei der Arbeit sein, die Glasschmelzer, die das zuvor zubereitete Gemenge, das aus Quarzsand, Pottasche, Kalk und weiteren Rohstoffen gemischt wurde, bei 1200 Grad im „Glashafen“ auf dem Ofen einschmelzen.

Mein erster Tag in der Glashütte, und pünktlich um fünf Uhr begann die Arbeit der Werkstattteams, welches sich jeweils aus Meister, Formenhalter, Einbläser, Kölbelmacher, Kaier und Einträger zusammensetzte. In der Hierarchie ganz oben ist der Meister, der unten auf seiner Werkbank sitzt, und dem vom Kölbelmacher und Einbläser gefertigten und noch heißen Rohling, mit dem vom Kaier herbeigebrachten Glas, den Stiel und Boden verpasst. Meine Aufgabe als Berufsanfänger und Einträger, bestand nun darin, das zur Weiterbearbeitung bestimmte Glas, mit einer speziellen Vorrichtung zum Kühlband zu bringen. Das in einem Laufschritt, der es in sich hatte, den das nächste Produkt musste sofort nach Fertigung aus Meisters Hand zum Band. So ging das nun, ohne Unterbrechung, und immer bis 14.00 Uhr. Wenige Jahre später, wurde diese Arbeit von einem Förderband übernommen.

Die berufliche Weiterentwicklung führte Schrittweise zum Kaier, Kölbelmacher und Einbläser. Berufschulunterricht war in einer speziellen Glasmacherklasse, in der alten Berufsschule am Göppinger Nordring. Die technische Ausbildung wurde in der WMF eigenen Glashütte in Geislingen, und in Form von regelmäßigem Werkstattunterricht praktiziert.

Es folgte eine betriebsinterne Spezialisierung, auf einer sogenannten Großzeugwerkstätte in der Wiesenthalhütte. Bodenvasen, Lampenschirme und weitere Produkte in Großformat für zahlungskräftige Kunden dieser Welt, wurden hier gefertigt. Diese Arbeit war anspruchsvoll und anstrengend, doch ich hatte gute Lehrer.

Nach einigen Jahren habe ich diese Tätigkeit beendet, denn ein aufkommendes Fernweh und Abenteuerlust, führte mich zur Seefahrt und weiteren Berufsausübungen.

Erst im Nachhinein, und nach Jahrzehnten, erkenne ich die bildende Kunst in der Glasmacherei. Insbesondere auch in der gelegentlichen Musterfertigung von Buntglas für Kirchenfenster, aber auch die Herstellung von großen Einzelstücken (Lampenschirme, Vasen) erforderte schon ein hohes manuelles, bzw. künstlerisches Geschick in der Umsetzung. Gerne würde ich nochmal den typischen Geruch der Birnbaum – Holzform, beim fertigen (einblasen) des Glases riechen.

Doch die letzten letzten Glashütten in der Umgebung sind längst stillgelegt (Schwäbisch Gmünd, Wiesensteig, Dürnau, Geislingen) Aber auch im bayrischen Wald, so z.B. in Frauenau, wo das Glasmacherhandwerk eine ganz besondere Tradition hat, wurde eine der letzten Glashütten im November 21. stillgelegt.

Foto von Hermann Beck, Schwäbisch Gmünd: Glasofen in der Cäcilienhütte

Alfred Brandner

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