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Sonntagsgedanken: Von Heiligengebeinen und Halloween-Partys

Auch wenn wir es lange Zeit nicht glauben konnten: Selbst der Rekord-Sommer 2018 hat ein Ende. Nun kommt der November mit langen Nächten, Schneematsch, Nieselregen, Kälte, viel Arbeit und vielen Staus. Und passend zur Dunkelheit auch noch die Tage des traditionellen Totengedenkens, am Totensonntag oder am katholischen Fest Allerheiligen.

Diese Feste scheinen aber etwas ins Hintertreffen zu geraten. Auch Christen gedenken ihrer Toten nicht mehr unbedingt an diesen Feiertagen. Oftmals sind persönliche Gedenktage oder Erinnerungsrituale wichtiger, der traditionelle Gang zu den Familiengräbern wird seltener. Und dann, so geht nicht selten das Klagelied unter Christen, gibt es auch noch dieses unselige Halloween, das alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, sei es in den Läden oder auf den Straßen – daran wird vermutlich auch die Einführung des Reformationstags als Feiertag in einigen Bundesländern kaum etwas ändern. Der irisch-katholische Ursprung Halloweens als Nacht vor dem Allerheiligen-Fest ist ohnehin nur wenigen bekannt. Ich denke, wir sollten dennoch nicht zu viel über Halloween schimpfen. Wie auch an Fasching haben Menschen vielleicht einfach den Wunsch, etwas Farbe und Musik in die Dunkelheit zu bringen. Und gerade beim Gruselfaktor von Halloween geht es ja auch darum, irgendwie ein Verhältnis zu dem zu bekommen, was wir nicht ganz einordnen können: dem Sterben und dem Tod. Von dem wir noch nicht genau wissen, ob wir große Angst davor haben müssen, oder ob sich hinter der Schreckensmaske nicht doch ein freundliches Gesicht verbirgt. Gerade Kindern und Jugendlichen, die dem Tod bislang weniger im Verlust geliebter Menschen, sondern stärker als schwer greifbarem dunklem Gegenpol ihrer Jugend begegnen, liegt da ein Grusel-Fest vielleicht näher als das stille Totengedenken der kirchlichen Festtage. Dennoch kreisen alle Feste um dasselbe Thema. Ich möchte Halloween darum als Geschwister von Allerheiligen, Allerseelen und Totensonntag sehen – als unterschiedliche Wege, sich dem Mysterium von Tod und Leben ein Stückchen zu nähern. In einem Jahr passt vielleicht eher das eine, in einem anderen das andere. Und es spricht nichts dagegen, nach einer Halloween-Party am nächsten Tag ein stilles Gebet am Grab eines Verstorbenen zu sprechen. Den fließenden Übergang von Trauer und Lachen, Tod und Leben kennt auch das Brauchtum rund um das Allerheiligen-Fest. Spanische Familien genießen zum Beispiel nach dem gemeinsamen Friedhofsbesuch die Huesos de Santo, die „Heiligengebeine“. Dabei handelt es sich um eine Süßigkeit in Knochenform, die außen aus hellem Marzipan und innen aus einer gelblichen Zucker-Ei-Masse besteht, die das Knochenmark imitiert – und trotz erster Bedenken sicherlich sehr lecker ist!

 

Dr. Christina Jetter-Staib, Leiterin Kath. Erwachsenenbildung Kreis Göppingen e.V.

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