Sonntagsgedanken: Auf der Suche nach der Wahrheit

Auf Facebook schreibt ein Zuschauer dem stellvertretenden Chef des österreichischen TV-Senders ORF, Armin Wolf, dass er in einem Dorf, in dem er vorübergehend arbeitete, gehört habe: „Die Küche wird herausgerissen, weil Flüchtlinge nicht kochen können, wo Schweinefleisch zubereitet worden ist und die Toiletten werden herausgerissen, weil Frauen diese benützt haben!“ Armin Wolf antwortet: „Ich gehe jede Wette ein, dass die Geschichten mit der Küche und den Toiletten frei erfunden sind.“ Einige Zeit später bekommt er Antwort: „Ich bin 250 Kilometer gefahren, in das besagte Haus gegangen und habe mich direkt informiert. Sie hatten 100% Recht! Es tut mir leid, dass ich ein so schwerwiegendes Gerücht weitergetragen habe.“

Troendle Theodor1,3 Millionen haben diese Nachricht auf Facebook gelesen und ich denke, sie sind sicher nachdenklich geworden. Mir zeigt das Beispiel: Die Wahrheit zu finden, kostet Mühe und Zeit. 250 Kilometer sind ein vorbildliches Zeugnis dafür. Aber wahr ist auch, ohne den Anstoß des Journalisten, hätte der Zuschauer sich nicht auf den Weg gemacht.

Was ist wahr? Danach fragen wir in zwischenmenschlichen Beziehungen, bei Streitigkeiten vor Gericht, in politischen, religiösen und anderen Auseinandersetzungen.

Wie gut, wenn es Menschen gibt, die helfen, nicht in voreiligen Urteilen stecken zu bleiben, die uns herausfordern, sich auf den Weg zu machen und der Wahrheit genauer auf den Grund zu gehen. Klar, wir Menschen hätten gern einfache Wahrheiten, vor allem die, die uns bestätigen oder gerade nützlich erscheinen. Aber die Wahrheit ist immer größer als die, die wir uns gerade zurechtlegen. Ihr näher zu kommen, braucht deshalb gemeinsame geduldige Anläufe, Wege und Zeiten des ständigen Austauschs.

Ich habe mal gelesen, dass in nahezu allen Sprachen, insbesondere im Hebräisch-Aramäischen, Wahrheit gleichbedeutend ist mit Verlässlichkeit und Treue, mit dem, was tragfähig ist und Halt gibt. Die Wahrheitsfrage im Kleinen wie im Großen berührt also immer auch die Frage nach dem, was uns Menschen verbindet und was die Welt trägt.

Psalm 36 gibt darauf eine schöne Antwort: „Herr, Deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine WAHRHEIT so weit die Wolken gehen… wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“

Gerade dieser Blick auf „Gott und die Welt“ hilft mir, mich mit schnellen Urteilen zurückzuhalten und stattdessen immer wieder neu danach zu suchen, was wirklich wahr ist und die Welt und uns Menschen verbindet.

Pfarrer Theodor Tröndle, Börtlingen

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