Sonntagsgedanken: …nach Ägypten…

Das alte Relief an der Zeno-Basilika in Verona zeigt die Spannung des Christfestes: Ein neu geborenes Kind. Gott kommt in die Welt. Und doch bleiben Leid und Gewalt, Trauer und Angst. Wo ist denn Gott? Von Weihnachtsfreude ist nichts zu sehen. Hier sind Maria, Joseph und das Kind auf der Flucht. Sie fliehen vor Verfolgung und Missgunst. Sie sind verwundbar. Sie haben keinen Schutz.

Die heimelige Krippe mussten sie verlassen. Mit ernsten Mienen sind sie unterwegs. Auch der Esel trottet vor sich hin. Nur mit dem Nötigsten sind sie bepackt. Wir kennen solche dramatischen Bilder aus den Krisengebieten unserer Zeit. Das Kind zeigt den Weg – nicht die lebenserfahrenen Eltern! Sorgenvoll sind sie alle drei. Wie werden wir die Mühen der Flucht bestehen? Was wird uns am Ziel begegnen? Und – kommen wir überhaupt an ein Ziel? Werden wir vielleicht sogar zugrunde gehen? Sie wissen es nicht.

Gott kommt in die Welt: Diese Grundbotschaft des Christfestes bewegt uns heute und berührte schon immer unsere Vorfahren. Das Christfest motiviert uns, im Sinne des Kindes in dieser Welt zu wirken, diese Welt mitzugestalten, zu verändern. Ja – Gewalt und Angst bleiben. Die Pandemie verfolgt uns tagtäglich. Das Kind geht aber mit. Es nimmt Anteil an der Dunkelheit unserer Tage. „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt“. So singt Jochen Klepper 1938 in einer fruchtbaren Situation, die den Dichter politisch und menschlich an den Abgrund brachte – und schließlich auch in den Tod führte! Gerade dann gilt die Botschaft des Christfestes: Das Licht bleibt. Gott geht mit – in den Wirren unserer Tage, auf der Flucht von Menschen, in den Ängsten der Kinder, auf den Krankenstationen und in den Pflegeheimen, bei den Sorgen der Familien, in der Einsamkeit der alleinstehenden Menschen…

Ob Joseph in seinem Bündel neben Kleidern und Essen vielleicht auch die heiligen Schriften seines Volkes hat? Dann wird er sich und seine kleine Familie in seinem Glauben bestärken: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Er wird sich an diese uralte Sehnsucht der Propheten erinnern: Gott kommt. Und er wird erstaunt und verwundert (mit uns) bekennen: Gott ist da – im Kind.

Die wunderbaren Ornamente um das alte Relief stellen Blumen, Früchte, Weinlaub dar. Sie zeigen die Freude an der Schöpfung, die Freude am Leben, die Freude an der Schönheit. So möge es an diesem Christfest trotz allem sein!

Christian Buchholz, Dürnau

Schuldekan i.R.

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